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konsequent: rofecoxib (vioxx) weltweit wegen kardiovaskulärer toxizität vom markt
 
KONSEQUENT: ROFECOXIB (VIOXX) WELTWEIT WEGEN KARDIOVASKULÄRER TOXIZITÄT VOM MARKT

Die Firma MSD stellt weltweit den Vertrieb aller Darreichungsformen von Rofecoxib (VIOXX, VIOXX DOLOR) ein und bricht sämtliche klinischen Studien mit dem Cox-2-Hemmer ab.

Der Grund liegt in der Kardiotoxizität des Mittels, die soeben zum vorzeitigen Stopp einer multizentrischen Studie führte, an der auch Zentren in Deutschland, Österreich und der Schweiz beteiligt sind. APPROVe*, eine randomisierte plazebokontrollierte Doppelblindstudie, sollte den Einfluss von Rofecoxib auf das Wiederauftreten neoplastischer Polypen des Dickdarms prüfen. Am 23. September - acht Wochen vor Beendigung der Studie - forderte das von der Firma unabhängige externe Safety Monitoring Board den Abbruch der Untersuchung, die nahezu 2.600 Patienten einbezieht. Ab dem 18. Einnahmemonat fällt in der Rofecoxib-Gruppe eine Zunahme kardiovaskulärer Ereignisse auf, darunter Herzinfarkte und Schlaganfälle. Nach vorläufigen Auswertungen stehen 25 bestätigte kardiovaskuläre Komplikationen pro 3.315 Patientenjahre unter Plazebo (0,75 Ereignisse pro 100 Patientenjahre) 45 kardiovaskulären Komplikationen pro 3.041 Patientenjahre unter Rofecoxib (1,48 Ereignisse pro 100 Patientenjahre) gegenüber. Das relative Risiko beträgt 1,96 (95% Konfidenzintervall 1,20 bis 3,19, p = 0,0071). Dies bedeutet eine Verdoppelung des Risikos für kardiovaskuläre Erkrankungen.

Die Firma wird in einer gesonderten Information Patienten darauf hinweisen, mit dem Arzt Rücksprache zu nehmen, um alternative Behandlungen zu besprechen. Dies sollte Schule machen: Für nicht aufgebrauchte Packungen will MSD die Zuzahlung bzw. Selbstzahlern die Kosten erstatten. Eine Ausgleichsregelung für angebrochene Packungen, die auf Kassenkosten verordnet wurden, steht aus. Näheres zur Abwicklung soll in den nächsten Tagen auf der Website http://www.vioxx.de bekanntgegeben werden.

Die Bestätigung der kardiovaskulären Toxizität von Rofecoxib kommt nicht unerwartet. Der Cox-2-Hemmer stand von Anfang an in der Kritik, da die veröffentlichten Daten das kardiovaskuläre Schädigungspotenzial im Vergleich zu konventionellen nichtsteroidalen Antirheumatika nur ausschnittsweise und verzerrt wiedergegeben haben. So berichten die Autoren in der im November 2000 veröffentlichten VIGOR**-Studie statt über sämtliche kardiovaskulären Komplikationen nur über eine erhöhte Herzinfarktrate im Vergleich zu Naproxen (PROXEN u.a.). Nur aus Daten, die vor Veröffentlichung der VIGOR-Studie der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA eingereicht wurden, ging eindeutig hervor, dass schwere thrombotische kardiovaskuläre Ereignisse insgesamt, darunter Herzinfarkte, instabile Angina pectoris oder ischämischer Schlaganfall, unter Rofecoxib signifikant häufiger vorgekommen sind (a-t 2001; 32: 87-8). Die vierfach erhöhten Herzinfarktraten wurden von Herstellerseite verharmlosend mit einer "kardioprotektiven" Wirksamkeit von Naproxen erklärt, ohne dass dies durch aussagefähige Daten belegt wurde (a-t 2001; 32: 102-3). Die jetzt bekannt gewordenen Daten lassen indes keinen Zweifel mehr am schädigenden Potenzial von Rofecoxib selbst zu, da es sich bei der APPROVe-Studie um einen Plazebovergleich handelt.

Während MSD vor zwei Jahren Kritiker von Rofecoxib in Spanien gerichtlich zu belangen versuchte, als diese die so genannten Vorteile von Celecoxib und Rofecoxib als "wissenschaftlichen Betrug" titulierten (a-t 2004; 35: 16), ist die jetzige Marktrücknahme die richtige Entscheidung im Sinne des Verbraucherschutzes, die anerkannt werden muss. Mit der weltweiten Marktrücknahme dürfte MSD auch versuchen, kostspielige Schadenersatzforderungen - insbesondere im amerikanischen Raum - gering zu halten. Der Konzern trennt sich durch die Maßnahme in Deutschland von einem Jahresumsatz von 115 Mio. Euro (Herstellerabgabepreise) für VIOXX und 5 Mio. Euro für VIOXX DOLOR (Daten für 2003). In Deutschland ist VIOXX mit mehr als einem Fünftel des Firmenumsatzes das umsatzstärkste Produkt.

Die aktuellen Daten widerlegen erneut Behauptungen einer besonderen Verträglichkeit von Cox-2-Hemmern. In dem vor wenigen Wochen erschienenen Arzneimittelkursbuch 2004/05 stufen wir Cox-2-Hemmer wie Rofecoxib und Valdecoxib als "Umstrittenes Therapieprinzip" ein und weisen auf schwere kardiovaskuläre Ereignisse auch unter Valdecoxib (BEXTRA) hin. Wir sehen keinen Grund, die immer noch unzureichend dokumentierten und möglicherweise riskanten Cox-2-Hemmer zu verordnen und raten zur Auswahl bewährter konventioneller nichtsteroidaler Antirheumatika.



*

APPROVe = Adenomatous Polyp Prevention on VIOXX

**

VIGOR = VIOXX Gastrointestinal Outcome Research



© Redaktion arznei-telegramm
blitz-a-t 30. September 2004

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