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Therapiekritik

SCHIZOPHRENIE:
BESSERE LEBENSQUALITÄT UNTER "ATYPIKA"?

Mit der Reintegration chronisch kranker Patienten mit Schizophrenie in die Gesellschaft in den 1970er Jahren nahm das Interesse an der Lebensqualität der Betroffenen zu.1 Inzwischen betonen Meinungsbildner pauschal, dass die Lebensqualität schizophrener Patienten unter "atypischen" Antipsychotika besser sei als unter konventionellen Neuroleptika.2,3

Demgegenüber reichen nach Übersichten der Cochrane Collaboration verwertbare Daten der in Deutschland auf dem Markt befindlichen neueren "atypischen" Mittel für eine Beurteilung der Lebensqualität im Vergleich zu konventionellen Neuroleptika nicht aus.4-12 Lediglich in einer Übersicht zum neuesten "Atypikum" Aripiprazol (ABILIFY) wird positiv hervorgehoben, dass hierfür entsprechende Studienergebnisse vorliegen. Das "atypische" Neuroleptikum unterscheidet sich dabei nicht vom "klassischen" Perphenazin (DECENTAN u.a.).13

Zu gleichem Ergebnis kommt die aus öffentlichen Geldern geförderte britische CUtLASS-1-Studie.*14,15 Diese prüft unter praxisnahen Bedingungen primär, ob sich die Lebensqualität von Patienten mit einer Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis, bei denen ein Medikamentenwechsel erforderlich ist, im folgenden Jahr unter einem von vier "atypischen" Mitteln deutlicher verbessert als unter einem von zwölf konventionellen Präparaten. Im Gegensatz zur ursprünglichen Hypothese findet sich kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen, numerisch schneiden die konventionellen Mittel sogar besser ab. Sekundär geprüfte Psychopathologie und motorische Störwirkungen unterscheiden sich ebenfalls nicht. Reduzierte Power und hohes Cross over - 43% wechseln von der Gruppe der konventionellen Mittel zu den "Atypika", 32% in die umgekehrte Richtung - schränken allerdings die Aussagekraft der Studie ein.

*

CUtLASS = Cost Utility of the Latest Antipsychotic Drugs in Schizophrenia Study

Auch in der firmenunabhängigen US-amerikanischen Langzeitstudie CATIE** unterscheidet sich die sekundär erfasste Lebensqualität16 bei den 455 Teilnehmern, die ihr "Atypikum" oder Perphenazin nach einem Jahr noch einnehmen, nicht.17 In einer früheren Auswertung ließen sich bereits weder in der Wirksamkeit noch in der Verträglichkeit deutliche Vorteile nachweisen (a-t 2005; 36: 98-100).

**

CATIE = The Clinical Antipsychotic Trials of Intervention Effectiveness Study

  Die Ergebnisse zu Wirksamkeit, Verträglichkeit und Lebensqualität aus den praxisnahen Studien CUtLASS 1 und CATIE sind ernüchternd.18 Für die behauptete Überlegenheit der neueren "Atypika" fehlen Nachweise.

 

 

(R= randomisierte Studie, M= Metaanalyse)

 

1

CRAMER, J.A. et al.: Schizophrenia Bulletin 2000; 26: 659-66

 

2

NABER, D.: Ärzte Ztg. vom 8. Okt. 2002

 

3

FRITZE, J. et al.: Nervenarzt 2005; 76: 1559-64

  4-13 Aus: The Cochrane Database of Systematic Reviews 2007, Issue 2:

M

4

HUNTER, R.H. et al.: Risperidone versus typical antipsychotic medication for schizophrenia, Stand Febr. 2003

M

5

MOTA NETO, J.I.S. et al.: Amisulpride for schizophrenia, Jan. 2002

M

6

DUGGAN, L. et al.: Olanzapine for schizophrenia, Stand Febr. 2005

M

7

De SILVA, P. et al.: Zotepine for schizophrenia, Stand Aug. 2006

M

8

BAGNALL, A. et al.: Ziprasidone for schizophrenia and severe mental illness, Stand Aug. 2000

M

9

SRISURAPANONT, M. et al.: Quetiapine for schizophrenia, Jan. 2004

M

10

HOSALLI, P., DAVIS, J.M.: Depot risperidone for schizophrenia, Stand Aug. 2003

M

11

LEWIS, R. et al.: Sertindole for schizophrenia, Stand Mai 2005

M

12

RUMMEL, C. et al.: New generation antipsychotics for first episode schizophrenia, Stand Juli 2003

M

13

EL-SAYEH, H.G., MORGANTI, C.: Aripiprazole for schizophrenia, Stand Febr. 2006

 

14

LEWIS, S.W. et al.: Health Technology Assessment 2006; 10: Nr. 17; http://www.hta.ac.uk/execsumm/summ1017.htm

R

15

JONES, P.B. et al.: Arch. Gen. Psychiatry 2006; 63: 1079-87

 

16

SWARTZ, M.S. et al.: Schizophrenia Bulletin 2003; 29: 33-43

 

17

SWARTZ, M.S. et al.: Am. J. Psychiat. 2007; 164: 428-36

 

18

LIEBERMAN, J.A.: Arch. Gen. Psychiatry 2006; 63: 1069-72

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