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Im Blickpunkt

SCHWEINEGRIPPE
... unterschiedliche Maßstäbe bei Todesfällen in Zusammenhang mit Infektion oder Impfung

Die Zahl der Infektionen mit dem Erreger der Schweinegrippe ist in Deutschland in den vergangenen Wochen gestiegen. Mit ihr hat auch die Zahl der Todesfälle zugenommen, die in zeitlichem Zusammenhang mit einer A/H1N1-Infektion aufgetreten sind. 61 sind es nach dem bei Redaktionsschluss aktuellen Situationsbericht des Robert Koch-Instituts (RKI).1 Die Behörde geht dabei davon aus, dass bei Todesfällen im Verlauf einer Erkrankung an Schweinegrippe diese "in den meisten Fällen einen entscheidenden Einfluss auf den Verlauf" hat, insbesondere bei Patienten mit chronischen Vorerkrankungen, die beispielsweise eine akute Herz-Kreislauf-Belastung durch hohes Fieber schlecht kompensieren können. "Da ein kausaler Zusammenhang zwischen Influenzainfektion und Tod nicht immer nachgewiesen werden kann, gilt aus epidemiologischer Sicht ein Todesfall, bei dem während des Krankheitsverlaufs das Virus nachgewiesen wurde, als H1N1-assoziierter Todesfall".1 Ärzte sind gesetzlich verpflichtet, jeden Todesfall zu melden, wenn in zeitlichem Zusammenhang eine H1N1-Infektion nachgewiesen wurde.2

Ganz anders scheint die Sichtweise der Behörden bei Todesfällen zu sein, die in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung gegen Schweinegrippe (PANDEMRIX) auftreten. In der wöchentlich aktualisierten Übersicht des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI)3 werden bei Redaktionsschluss 10 entsprechende Meldungen gelistet, wobei eine Meldepflicht nur dann besteht, wenn ein ursächlicher Zusammenhang mit der Impfung vermutet wird.4 Belegen lässt sich ein Kausalzusammenhang zwischen Immunisierung und Tod (oder unerwünschtem Ereignis) nur selten. Das gilt im Übrigen nicht nur für den Schweinegrippeimpfstoff. Wenn ein Zusammenhang "nicht nachweisbar" ist, bedeutet dies aber nicht automatisch, dass eine Assoziation "ausgeschlossen" ist. Zu beobachten ist nun, dass Todesfälle nach Impfung mit PANDEMRIX bei Personen mit chronischen Vorerkrankungen beispielsweise kardialer Art regelmäßig auf die Grunderkrankung zurückgeführt und in der Folge als "Meldungen ..., in denen eine andere Todesursache festgestellt wurde"3, eingestuft werden. Dabei ist es unseres Erachtens durchaus vorstellbar, dass Personen mit Vorerkrankungen, die nach der Immunisierung beispielsweise Fieber entwickeln, eine daraus resultierende akute Herz-Kreislauf-Belastung ebenfalls schlecht kompensieren können. Auch der immer wieder vorgebrachte Hinweis, dass Todesfälle in Verbindung mit der Impfung vor dem Hintergrund gesehen werden müssen, dass in Deutschland täglich etwa 2.000 Personen versterben (so genanntes "Grundrauschen"), ist zwar korrekt, greift aber zu kurz: Diese Tatsache muss selbstverständlich auch bei den Todesfällen, die der Erkrankung an Schweinegrippe zugeschrieben werden, berücksichtigt werden. Nach Hochrechnung eines Statistikers der Universität Dortmund werden bis November 2010 fast 3.000 Menschen sterben, die rein zufällig auch das Schweinegrippevirus in sich tragen.5

Um es deutlich zu sagen: Wir bezweifeln nicht, dass die Schweinegrippe tödlich verlaufen kann. Wir gehen auch nicht davon aus, dass alle in Zusammenhang mit der Impfung bekannt gewordenen Todesfälle tatsächlich durch diese verursacht wurden. Aber wir fordern eine unvoreingenommene kritische Bewertung, die nicht den Eindruck einer Verharmlosung hinterlässt. Die unterschiedlichen Maßstäbe bei der Bewertung möglicher Folgen der Virusgrippe und der Impfung erinnern daran, dass eine Trennung von zulassender Behörde und Pharmakovigilanz immer noch aussteht (vgl. a-t 2007; 38: 17-8). Nur wenn diese Aufgaben bei voneinander unabhängigen Behörden liegen, lässt sich ein interner Interessenkonflikt vermeiden. Schließlich muss derzeit dieselbe Behörde eine getroffene Zulassungsentscheidung wegen beträchtlicher unerwünschter Wirkungen eventuell in Frage stellen, was als Indiz für eine schlechte Zulassungsentscheidung angesehen werden könnte. Und welche Behörde will diesen Vorwurf durch eigene Aktivität bei der Risikoaufklärung auch noch fördern? -Red.

 1RKI: Situationsbericht vom 1. Dez. 2009
 2RKI: Hinweise für Ärzte vom 13. Nov. 2009
 3PEI: Information zu Verdachtsfallberichten vom 25. Nov. 2009
 4PEI: Hinweise zur Datenbank Verdachtsfälle von Impfkomplikationen, Mai 2007, Seite 4
 5MERKEL, W.W.: Die Welt vom 18. Nov. 2009, Seite 27

© 2009 arznei-telegramm, publiziert am 4. Dezember 2009

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