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Kurz und bündig

Tranexamsäure (CYKLOKAPRON) erfolgreich bei schweren Traumen

Etwa jeder dritte Todesfall im Rahmen eines schweren Traumas ist auf Blutungskomplikationen zurückzuführen. Da hierfür reaktive Hyperfibrinolysen mitverantwortlich gemacht werden, stellen Antifibrinolytika einen kausal begründeten Therapieansatz dar. Die Erfahrungen mit Aprotinin (außer Handel: TRASYLOL), das bei kardiochirurgischen Eingriffen unter gleichen Vorstellungen eingesetzt den Blutverlust zwar reduziert, aber gleichzeitig zur Zunahme von akutem Nierenversagen und Todesfällen zu führen scheint, mahnen jedoch zur Skepsis (a-t 2006; 37: 23-4 und a-t 2007; 38: 30-1). Bei Tranexamsäure (CYKLOKAPRON) soll dagegen auch nach aktualisierten Daten eines Cochrane-Reviews ein solches Risiko nicht vorliegen (HENRY, D. et al.: CMAJ 2009; 180: 183-93). Jetzt wird das indirekte Antifibrinolytikum in einer großen randomisierten Doppelblindstudie (CRASH*-2) in vergleichsweise niedriger Dosis bei erwachsenen Patienten mit maximal acht Stunden zuvor erlittenem Trauma und starkem Blutverlust oder hohem Risiko für schwere Blutungen geprüft. 20.211 Patienten aus 40 Ländern nehmen teil und erhalten im Mittel knapp drei Stunden nach dem Trauma Tranexamsäure per Infusion (1 g über zehn Minuten und dann nochmals über acht Stunden) oder Plazebo. 84% sind Männer, 77% jünger als 45 Jahre, gut zwei Drittel weisen einen Glasgow Coma Score** über 12 auf. Mehr als 99% erhalten die Initial- und mehr als 94% die Folgedosis. Daten zum primären Endpunkt, Überleben nach 30 Tagen, sind für 99,6% der Patienten verfügbar. Tranexamsäure vermindert die Sterblichkeit von 16,0% auf 14,5% (Relatives Risiko [RR] 0,91, 95% Konfidenzbereich [CI] 0,85-0,97, Number needed to treat [NNT] = 67). Tödliche Blutungen treten signifikant seltener auf (4,9% versus 5,7%; RR 0,85, 95% CI 0,76-0,96); Todesfälle infolge von Gefäßverschlüssen, Multiorganversagen, Kopfverletzungen oder aus anderen Gründen kommen unter Tranexamsäure numerisch seltener vor. Die prädefinierten Endpunkte vaskuläre Ereignisse, chirurgische Eingriffe und Transfusionsbedarf sind ebenfalls unter Tranexamsäure numerisch seltener. Nach 28 Tagen oder bei Entlassung sind unter dem Antifibrinolytikum signifikant mehr Patienten symptomfrei (14,7% versus 13,3%, RR = 1,11; 95% CI 1,04-1,19). Schwerwiegende Nebenwirkungen werden nicht beschrieben. Subgruppeneffekte hinsichtlich Art des Traumas, Zeit der Applikation, Blutdruckwerten und Glasgow Coma Score finden sich nicht (CRASH-2 Trial Collaborators: Lancet 2010; 376: 23-32). Auch nach Einschätzung des begleitenden Editorials ist die Mortalitätsreduktion unter Tranexamsäure relevant, vor allem, da sie offenbar ohne gravierende Nebenwirkungen erreicht wird und das Mittel preiswert ist (LEVY, J.H.: Lancet 2010; 376: 3-4). Der Wirkmechanismus bleibt jedoch unklar, da der Effekt nicht ausreichend durch eine Reduktion von Blutungen erklärt werden kann. In Deutschland ist der Gebrauch von Tranexamsäure bei Trauma durch die Zulassung nicht gedeckt. Pfizer prüft derzeit, ob die Daten der CRASH-2-Studie für eine Indikationserweiterung ausreichen (Pfizer GmbH: Schreiben vom 17. Aug. 2010), –Red.

* CRASH = Clinical Randomisation of an Antifibrinolytic in Significant Haemorrhage
** Glasgow Coma Scale: Skala zur Abschätzung einer Bewusstseinsstörung (3-8 Punkte schwer, 9-12 Punkte mittelschwer, 13-15 Punkte leicht)

© 2010 arznei-telegramm, publiziert am 20. August 2010

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