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Korrespondenz

WAS GIBT ES NEUES ZU FLUPIRTIN (KATADOLON, GENERIKA)?

Neuerdings wird für Flupirtin (KATADOLON, Generika) wieder vermehrt geworben. Von einer Pharmareferentin wurde behauptet, es gäbe neue aussagekräftige Studien, die belegen würden, dass es als „selektiver neuronaler Kaliumkanalöffner” gut verträglich und hoch wirksam bei Rückenschmerzen sei. Haben Sie dazu neue Daten? Bislang fand ich die therapeutische Wirkung von Flupirtin immer enttäuschend.

A. EICHLER (Ärztin)
D-31832 Springe
Interessenkonflikt: keiner

Neue randomisierte kontrollierte Studien zum Nutzen von Flupirtin (KATADOLON, Generika) bei Rückenschmerzen sind nicht publiziert. Veröffentlicht sind in dieser Indikation nach wie vor lediglich zwei randomisierte einwöchige Studien von 1996 und 2008. In der methodisch mangelhaften älteren Studie mit 184 Patienten ergibt sich für Flupirtin im primären Endpunkt kein Vorteil gegenüber Plazebo.1 In der neueren, einer ebenfalls mangelhaften Nichtunterlegenheitsstudie aus China mit 209 Patienten, soll Flupirtin angeblich ähnlich wirken wie Tramadol (TRAMAL, Generika).2 Anders als bei Nichtunterlegenheitsstudien gefordert, wird keine Per-Protokoll-, sondern nur eine Intention-to-treat-Analyse präsentiert, durch die potenziell bestehende Unterschiede nivelliert werden können. In der Nationalen Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz wird u.a. wegen der schlechten Beleglage von der Anwendung von Flupirtin ausdrücklich abgeraten.3

Als Meinungsbildner in Sachen Flupirtin tun sich in jüngster Zeit besonders die beiden Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie (DGS) hervor, Gerhard MÜLLER-SCHWEFE und Michael ÜBERALL. Eine Pressekonferenz Mitte März zu den geplanten Praxisleitlinien der DGS gerät zu einer reinen Werbeveranstaltung für Flupirtin – und wird nicht umsonst vom Anbieter AWD.pharma gesponsert.4 AWD hat auch eine „gepoolte Reanalyse”5von acht Flupirtin-Studien bei muskuloskeletalen Schmerzen finanziert, die MÜLLER-SCHWEFE und ÜBERALL zusammen mit einem Mitarbeiter der Firma im vergangenen November publiziert haben. Neben den beiden erwähnten veröffentlichten Studien fließen in diese Analyse nur unveröffentlichte, vom Hersteller beigebrachte Studien ein, die somit nicht überprüfbar sind. Aussagekraft kommt der „Reanalyse”, die angeblich einen Vorteil von Flupirtin gegenüber Plazebo und „Nichtunterlegenheit” gegenüber anderen Schmerzmitteln zeigt,5 auch deshalb nicht zu, weil völlig intransparent bleibt, welche Daten aus welchen Studien in die jeweiligen Auswertungen eingehen. Interessenkonflikte werden in der Arbeit nicht deklariert, obwohl sich MÜLLER-SCHWEFE und ÜBERALL auf Herstellerveranstaltungen für Flupirtin einsetzen4,6-8 und ÜBERALL zumindest Ende 2008 noch einen Beratervertrag mit AWD* angegeben hat.2

Eine weitere, in der „Reanalyse” noch nicht berücksichtigte Studie, mit der derzeit für Flupirtin bei Rückenschmerzen geworben wird, ist die von AWD gesponserte SUPREME**-Studie mit Studienleiter ÜBERALL, die ebenfalls einen Vorteil des Mittels gegenüber Plazebo belegen soll.8 Diese Arbeit ist wie die Mehrzahl der Studien in der „Reanalyse” nicht vollständig veröffentlicht und somit nicht beurteilbar.

Dem unzureichend belegten Nutzen stehen vor allem mit Abhängigkeit und Lebertoxizität potenziell schwerwiegende Schadwirkungen gegenüber. Die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) überblickt inzwischen 80 Verdachtsmeldungen über Arzneimittelmissbrauch, Abhängigkeit oder Entzugssyndrom, darunter 44 Berichte über Abhängigkeit.10 Verdachtsberichte über Leberschäden an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), darunter zum Teil tödliches Leberversagen, haben zwischen 2007 und 2011 auf mehr als das Doppelte zugenommen – insgesamt 375 (Stand Sept. 2011).*** Bereits 2007 wurde eine randomisierte Studie mit Flupirtin bei überaktiver Blase wegen der hohen Rate hepatotoxischer Reaktionen vorzeitig gestoppt: Bei 17% der Patienten steigt die GPT unter der Einnahme auf mehr als das Dreifache der oberen Norm. Ein gleichzeitiger Anstieg der Eosinophilenzahlen bei einigen Betroffenen weist auf mögliche Hypersensitivität hin.11,12

∎  Dem unzureichend belegten Nutzen von Flupirtin (KATADOLON, Generika) bei Rückenschmerzen steht eine Häufung von Berichten über Abhängigkeit und Leberschäden gegenüber. Wir raten von der Anwendung ab.

  (R =randomisierte Studie, M = Metaanalyse)
R    1 WÖRZ, R. et al.: Fortschr. Med. 1996; 114: 500-4
R    2 LI, C. et al.: Curr. Med. Res. Opin. 2008; 24: 3523-30
3 Bundesärztekammer et al.: Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz, Aug. 2011; http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/nvl-007l_S3_Kreuzschmerz_2011-08_01.pdf
4 Pressekonferenz „DGS PraxisLeitlinie konkret”, 14. März 2012 http://www.bvou.net/_local/data/dat/blk4/2141/PM_PK_Leitlinie_konkret_14032012.doc
M    5 ÜBERALL, M.A. et al.: Internat. J. Clin. Pharmacol. Therap. 2011; 49: 637-47
6 Ärzte Ztg. vom 8. Mai 2007
7 Ärzte Ztg. vom 13. Juli 2011
8 Ärzte Ztg. vom 31. Okt. 2011
9 MÜLLER, A.: apotheke adhoc vom 8. Mai 2012
10 AkdÄ: Schreiben vom 23. Mai 2012
R  11 MICHEL, M.C. et al.: Brit. J. Clin. Pharmacol. 2011; 73: 821-5
12 elbion AG: ClinicalTrials.gov, Aug. 2007; http://www.clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT00439192
* AWD soll seinen ärztlichen Beratern laut einem Bericht in apotheke adhoc für die Vermarktung von Flupirtin mehr als 50.000 € im Jahr zahlen. Dabei können Vorträge und die Leitung von Fortbildungen extra in Rechnung gestellt werden.9

** SUPREME = keine Erklärung des Akronyms gefunden
*** Aktuelle Daten waren vom BfArM in einem Zeitraum von drei Wochen vor Drucklegung nicht zu erhalten.

© 2012 arznei-telegramm, publiziert am 6. Juli 2012

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