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Neu auf dem Markt

INTRANASALER IMPFSTOFF FLUENZ GEGEN VIRUSGRIPPE

Mit FLUENZ kommt hierzulande erstmals ein Lebendvirusimpfstoff gegen die saisonale Grippe in den Handel, der nicht intramuskulär, sondern als Nasenspray angewendet wird. Er ist nur für Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 24 Monaten und 18 Jahren zugelassen.1 Für diese Altersgruppe empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) eine Influenzaimpfung nur bei erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens sowie bei Schwangerschaft ab dem 2. Trimenon.2 Kinder unter 24 Monaten sollen FLUENZ nicht erhalten, da in einer Studie vermehrt Störwirkungen und Krankenhausaufnahmen auftraten.1 In den USA ist die Vakzine bereits seit 2003 zugelassen.

EIGENSCHAFTEN: Der Lebendvirusimpfstoff enthält genetisch veränderte attenuierte Influenzaviren der drei Virusstämme, die jährlich aktualisiert von der WHO für die nördliche Hemisphäre empfohlen werden. Die Viren werden zunächst in Verozellen (Nierenzellen von Grünen Meerkatzen) produziert und dann in Hühnereiern vermehrt. Sie sind so verändert (kälteadaptiert), dass sie sich im relativ kälteren Nasopharynx vermehren und eine Immunreaktion auslösen können. In den tieferen Atemwegen und der Lunge sollen sie sich hingegen aufgrund der höheren Temperatur nicht effektiv vermehren.3

WIRKSAMKEIT: Eine auf individuellen Patientendaten beruhende, vom Hersteller gesponserte Metaanalyse, die nur Kinder ab einem Alter von zwei Jahren und Jugendliche berücksichtigt, errechnet, dass die Vakzine Influenzaerkrankungen gegenüber Plazebo innerhalb einer Saison relativ um 79% (95% Konfidenzintervall [CI] 73-83) reduziert (absolut 4% vs. 18%; 4.288 Kinder zwischen zwei und fünf Jahren und ohne Vorerkrankungen aus fünf Studien4-8).9

Im Vergleich zu intramuskulärem inaktivierten Impfstoff sinkt der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Influenza unter der Vakzine relativ um 48% (95% CI 38-57; 4,2% vs. 8,1%; 7.986 Kinder und Jugendliche aus drei Studien10-12).9 In zwei der Untersuchungen wurden unter 6-Jährige eingeschlossen, von denen in der einen 6% an einer Grunderkrankung (z.B. Asthma) litten und in der anderen alle Kinder mindestens zweimal in den zurückliegenden zwölf Monaten wegen Atemwegsinfekten ärztlich behandelt wurden.10,11 An der dritten Untersuchung haben ausschließlich Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 17 Jahren mit leichtem bis mäßigem Asthma bronchiale teilgenommen.12

Hinreichende Belege dafür, dass der Lebendvirusimpfstoff gegenüber Plazebo oder inaktivierter Vakzine die Gesamtrate akuter Mittelohrentzündungen, tiefer Atemwegsinfekte oder von Krankenhausaufnahmen vermindert, finden wir nicht. Dokumentiert ist lediglich eine Minderung Influenza-assoziierter Mittelohrentzündungen im Vergleich zu Plazebo bzw. inaktivertem Impfstoff.13

Der Hersteller hatte auch die Zulassung für die Impfung Erwachsener beantragt, war wegen inkonsistenter Ergebnisse jedoch nicht erfolgreich. Zudem bestehen Bedenken, dass bereits vorhandene neutralisierende Antikörper die Virusreplikation und damit die Wirksamkeit des Impfstoffs hemmen könnten.3

UNERWÜNSCHTE WIRKUNGEN: Der intranasale Impfstoff ist leichter anzuwenden als eine intramuskuläre Vakzine. Er unterscheidet sich von dieser hauptsächlich hinsichtlich der lokalen Störwirkungen: Mehr als jeder zweite Impfling hat eine verstopfte oder laufende Nase (57% vs. 45% unter intramuskulärer Vakzine), während Lokalreaktionen an der Injektionsstelle entfallen. Verminderter Appetit (16% vs. 15%), Kopf- (14% vs. 12%) und Bauchschmerzen (12,3% vs. 11,5%) und verminderte Aktivität (13% vs. 12%) kommen unter beiden Impfstoffvarianten sehr häufig vor, Fieber ≥ 38 °C: 9,3% vs. 8,6%) und Muskelschmerzen (5,7% vs. 6,9%) häufig.14

Seit Markteinführung in den USA wurden Überempfindlichkeitsreaktionen einschließlich Gesichtsödem, Urtikaria und Anaphylaxie berichtet sowie Perikarditis, GUILLAIN-BARRÉ-Syndrom, Fazialisparese, Meningitis und Impfstoff-assoziierte Enzephalitis.15 Die Häufigkeit der Reaktionen im Vergleich zu inaktiviertem Impfstoff ist unklar.

Für Kinder mit schwerem Asthma oder akutem Giemen fehlen hinreichende Daten. Sie sollen deshalb nicht mit der Lebendvakzine geimpft werden. Auch bei anderen chronischen Erkrankungen liegen nur sehr begrenzte Daten vor. Bei klinischer Immunschwäche aufgrund von Erkrankungen oder Behandlung mit Immunsuppressiva ist der Lebendvirusimpfstoff kontraindiziert. Impflinge sollen wegen der Gefahr einer Virusübertragung in den ersten ein bis zwei Wochen jeden engen Kontakt zu stark immungeschwächten Personen meiden.1

KOSTEN: Die einmalige Impfung mit dem attenuierten Nasalimpfstoff FLUENZ kostet 23 € und damit mehr als das Doppelte eines günstigen inaktiven Influenzaimpfstoffes (z.B. XANAFLU: 10 €; Basis: Listenpreise).

∎  Der Lebendvirus-Grippeimpfstoff FLUENZ senkt die Influenzarate bei gesunden Kindern unter sechs Jahren gegenüber Plazebo relativ um 79%. Bei Kindern und Jugendlichen, die zum Teil an Grunderkrankungen wie leichtem bis mäßigem Asthma litten, verringert die intranasale Vakzine Grippeerkrankungen gegenüber intramuskulärem inaktivierten Influenzavirusimpfstoff relativ um 48%.

∎  Hinreichende Belege für die Verhinderung von akuten Mittelohrentzündungen, tiefen Atemwegsinfektionen oder Krankenhausaufnahmen finden wir nicht.

∎  Relevante Verträglichkeitsvorteile sehen wir nicht.

∎  Bei Kindern und Jugendlichen mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung, für die eine Impfung gegen Influenza von der Ständigen Impfkommission empfohlen wird, ist die Studienlage unzureichend. Wir sehen daher derzeit keine Indikation für die neue Vakzine.

  (R =randomisierte Studie, M = Metaanalyse)
1 AstraZeneca: Fachinformation FLUENZ, Stand Aug. 2012
2 STIKO: Epidem. Bull. 2012; Nr. 30: 283-310
3 EMA: Europ. Beurteilungsbericht (EPAR) FLUENZ, Stand 17. März 2011
http://www.ema.europa.eu/docs/en_GB/document_library/EPAR_-_Public_assessment_report/human/001101/WC500103711.pdf
R    4 FORREST, B.D. et al.: Clin. Vaccine Immunol. 2008; 15: 1042-53
R    5 BELSHE, R.B. et al.: N. Engl. J. Med. 1998; 338: 1405-12
R    6 BRACCO NETO, H. et al.: Pediatr. Infect. Dis. J. 2009; 28: 365-71
R    7 VESIKARI, T. et al.: Pediatrics 2006; 118: 2298-312
R    8 TAM, J.S. et al.: Pediatr. Infect. Dis. J. 2007; 26: 619-28
M    9 AMBROSE, C.S. et al.: Vaccine 2012; 30: 886-92
R  10 BELSHE, R.B. et al.: N. Engl. J. Med. 2007; 356: 685-96
R  11 ASHKENAZI, S. et al.: Pediatr. Infect. Dis. J. 2006; 25: 870-9
R  12 FLEMING, D.M. et al.: Pediatr. Infect. Dis. J. 2006; 25: 860-9
M  13 BLOCK, S.L. et al.: Pedatr. Infect. Dis. J. 2011; 30: 203-7
14 AstraZeneca: Kanadische Produktinformation FLUMIST, Stand 19. Apr. 2012; zu finden unter:
http://www.astrazeneca.ca/en/Our-Medicines/en-Products-AZ
15 MedImmune: US-Produktinformation FLUMIST, Stand Juli 2012
http://www.fda.gov/downloads/BiologicsBloodVaccines/Vaccines/ApprovedProducts/UCM123743.pdf

© 2012 arznei-telegramm, publiziert am 14. September 2012

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