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Hypertonie und Hypokaliämie unter Süßholzwurzel-Tee

Ein 67-Jähriger mit Vorhofflimmern und Hypertonie, dessen Blutdruck mit Enalapril (XANEF, Generika) stabil eingestellt ist, klagt nach sechswöchigem regelmäßigen Konsum von Süßholzwurzel-Tee (SIDROGA Magen-Heiltee) über Kopfdruck und Unwohlsein. Diagnostisch zeigt sich eine Hypokaliämie (2,5 mmol/l) sowie ein Blutdruckanstieg auf 205/110 mmHg (NETZWERK-Bericht 16.164). In der Packungsbeilage von SIDROGA Magen-Heiltee ist Bluthochdruck als Gegenanzeige gelistet, dies wurde jedoch vom Patienten überlesen. Glyzyrrhizinsäure, Inhaltsstoff der Süßholzwurzel, hat mineralokortikoid-ähnliche Effekte: Sie fördert die Kaliumausscheidung in den Nieren bei gleichzeitiger Rückresorption von Natrium und Wasser mit der Folge von Hypokaliämie und Blutdrucksteigerung vor allem bei exzessivem oder lang dauerndem Gebrauch. Bekannt ist das Phänomen vor allem von Lakritze, die Auszüge aus Süßholzwurzel enthält (a-t 1998, Nr. 10: 90-1). Die europäische Arzneimittelbehörde EMA findet in einem aktuell publizierten Beurteilungsbericht keine hinreichenden Nutzenbelege für Süßholzwurzel aus randomisierten kontrollierten Studien. Die Autoren referieren zudem 21 Berichte aus der Literatur zu schweren und lebensbedrohlichen Folgen der metabolischen Wirkungen des Extrakts, darunter mehrfach hypertensive Enzephalopathie und hypokaliämische Paralyse (EMA: Assessment report on Glycyrrhiza glabra L. and/or Glycyrrhiza inflata Bat. and/or Glycyrrhiza uralensis Fisch., radix, Stand 22. Mai 2012; http://www.ema.europa.eu/docs/en_GB/document_library/Herbal_-_HMPC_assessment_report/2012/08/WC500131285.pdf). Bei unerklärtem Blutdruckanstieg und Kaliumabfall sollte auch an Konsum von Süßholzwurzel gedacht werden. Das breite Angebot von nicht apothekenpflichtigen traditionellen pflanzlichen Arzneimitteln mit Süßholzwurzel in Supermärkten und Drogerien und Nahrungsmitteln mit Lakritze macht es für Arzt und Apotheker jedoch bisweilen schwer, eine kontraindizierte Selbstmedikation sowie auch einen übermäßigen Genuss von Lakritze rechtzeitig zu erkennen. Patienten sollten auf mögliche Gefahren hingewiesen und angehalten werden, Veränderungen mitzuteilen.

© 2012 arznei-telegramm, publiziert am 14. September 2012

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