logo
logo
Die Information für Ärzte und Apotheker
Neutral, unabhängig und anzeigenfrei
bildprobeaboKein Abonnent? Das arznei-telegramm® finanziert sich ausschließlich über Abonnements.
Bestellen Sie ein Probeabo
vorheriger Artikela-t 2012; 43: 80nächster Artikel
Warnhinweis

TOD DURCH RASCHEN METABOLISMUS VON KODEIN ZU MORPHIN

Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA berichtet über drei Kinder im Alter von zwei bis fünf Jahren, die nach einer Schmerztherapie mit Kodein (hierzulande für Kleinkinder nur in Kombination mit Parazetamol im Handel: TALVOSILEN) gestorben sind. Ein weiteres Kind entwickelt eine lebensbedrohliche Atemdepression.1 Das auch als Antitussivum (OPTIPECT KODEIN u.a.) verwendete Opioid wird in der Leber mit beträchtlichen interindividuellen Unterschieden über das Zytochrom-P450-Isoenzym 2D6 (CYP 2D6) zu Morphin verstoffwechselt, das wesentlich zur analgetischen Wirkung beiträgt. Die drei verstorbenen Kinder erhielten Kodein im üblichen Dosisbereich, waren aber ultraschnelle Metabolisierer. Bei diesen können hohe Morphinspiegel entstehen, bis hin zur Morphinvergiftung. 1% bis 7% der Kaukasier sind ultraschnelle Metabolisierer, bei Menschen afrikanischer Herkunft sind es bis zu 29%.1,2

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) berichtet über einen Todesfall aus Deutschland: Von zwei dreijährigen eineiigen Zwillingen, die Kodein im Rahmen einer Erkältung erhielten, ist einer an Opioidvergiftung gestorben. Der andere konnte wiederbelebt werden. Eine Überdosierung ist nicht sicher auszuschließen.2,3

Tödliche Morphinintoxikationen sind auch bei gestillten Säuglingen beschrieben, deren Mütter ultraschnelle Metabolisierer waren und Kodein eingenommen hatten. Die Arzneimittelbehörde Neuseelands Medsafe hat daher von der Einnahme der dort rezeptfrei erhältlichen Kodeinpräparate in der Stillzeit abgeraten.4 Hierzulande soll laut Fachinformationen bei mehr als einmaliger Einnahme das Stillen unterbrochen werden.5

Morphinintoxikationen nach Einnahme von Kodein gefährden nicht allein Kinder. Ein Risiko relativer Überdosierung besteht insbesondere auch für ältere Patienten, bei eingeschränkter Nierenfunktion und bei Atemfunktionsstörungen (Gefahr des Lungenödems). Zu den klinischen Zeichen der Vergiftung gehören Schläfrigkeit, Verwirrtheit, schwere und laute Atmung sowie Atemnot. Das BfArM erinnert, dass Kodein bei kleinen Kindern so niedrig wie möglich dosiert und möglichst nur kurz anzuwenden ist.2,3 Die Eltern sollten über die Gefährdung Bescheid wissen und vor allem zu Behandlungsbeginn auf ungewohnte Reaktionen der Kinder achten. Eine besonders zurückhaltende Indikationsstellung bei kleinen Kindern erachten wir als dringend erforderlich. FDA und EMA beraten derzeit über die Notwendigkeit weitergehender Maßnahmen zur Risikoabwehr.1,2

1 FDA: FDA warns of risk of death from codeine use in some children following surgeries, Pressemitteilung vom 15. Aug. 2012;
http://www.fda.gov/NewsEvents/Newsroom/PressAnnouncements/ucm315601.htm
2 BfArM: Codein: Genetischer Polymorphismus - Todesfälle bei Kindern, Risikoinformation vom 30. Aug. 2012
http://www.bfarm.de/DE/Pharmakovigilanz/risikoinfo/2012/RI-codein.html
3 BfArM: Schreiben vom 4. Sept. 2012
4 Medsafe: Codeine and breastfeeding. Prescribers Update, Dez. 2010
http://www.medsafe.govt.nz/profs/puarticles/codeineandbreastfeeding.htm
5 z.B. UCB: Fachinformation CODICAPS MONO, Stand Jan. 2012

© 2012 arznei-telegramm, publiziert am 14. September 2012

Diese Publikation ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigung sowie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen ist nur mit Genehmigung des arznei-telegramm® gestattet.