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Schweinegrippeimpfstoff PANDEMRIX und Narkolepsie - Erklärungsansatz entdeckt

Narkolepsie ist eine Erkrankung des Schlaf-Wach-Rhythmus, bei der es typischerweise zu Schlafattacken und kataplektischen Anfällen mit plötzlichem Tonusverlust der Muskulatur kommt. Sie wird auf eine weitgehende Zerstörung von Neuronen im Hypothalamus zurückgeführt, die den Neurotransmitter Hypocretin bilden, der im Gehirn den Schlafrhythmus steuert. Da die Erkrankung eng mit einer bestimmten HLA-Variante (DQ0602) assoziiert ist, gilt eine autoimmune Genese als wahrscheinlich. Weitere Faktoren müssen aber als Auslöser hinzukommen, denn dieser HLA-Typ findet sich bei jedem fünften Europäer, während die Häufigkeit der Narkolepsie nur etwa 1 : 3.000 beträgt.1,2 Diskutiert werden schon länger Infektionen beispielsweise mit Streptokokken.1 Eine Untersuchung aus China, nach der erste Symptome der Narkolepsie gehäuft in den Monaten April bis Juli auftreten, weist auf in den Wintermonaten durchgemachte Infektionen als mögliche Trigger hin.3 Auch Bestandteile des Schweinegrippevirus H1N1 scheinen ein Auslöser sein zu können: Nach der Massenimpfung in der Saison 2009/2010 wurde in mehreren europäischen Ländern eine Zunahme an Narkolepsieerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen beobachtet, die mit der adjuvantierten Schweinegrippevakzine PANDEMRIX geimpft worden waren (a-t 2011; 42: 24 und 2010; 41: 100, e a-t 5/2011b). Zeitgleich verdreifachte sich gegenüber den Vorjahren im Frühjahr 2010 in China die Narkolepsieinzidenz nach der H1N1-Influenza-Pandemie, die ihren Höhepunkt dort im Winter 2009 hatte.3 US-amerikanische Forscher haben jetzt entdeckt, dass ein Bestandteil des H1N1-Virus, der auch in PANDEMRIX enthalten ist, - ein 13 Aminosäuren langer Abschnitt des Oberflächenantigens Hämagglutinin - große Ähnlichkeit mit zwei Bereichen des Neuropeptidhormons Hypocretin aufweist (so genanntes molekulares Mimikry).1 Die beiden Molekülabschnitte rufen bei Narkolepsiekranken eine Aktivierung von CD4-T-Lymphozyten hervor, nicht aber bei gesunden Trägern der HLA-Variante. Auch nach Impfung von Patienten mit einer nichtadjuvantierten trivalenten H1N1-haltigen Influenzavakzine der Saison 2012 lässt sich eine Stimulation dieser spezifischen T-Zellen nachweisen. In vitro induziert zudem der entdeckte Hämagglutininabschnitt bei Narkolepsiekranken eine Immunreaktion gegen die Hypocretinepitope. Warum die Erkrankung aber speziell in Verbindung mit der adjuvantierten Vakzine PANDEMRIX aufgefallen ist und nicht mit anderen H1N1-haltigen Impfstoffen, ist weiterhin nicht geklärt: Dazu beigetragen haben könnten neben der stärkeren Aktivierung des Immunsystems durch den Wirkverstärker AS03 und der besonders hohen Zahl der Impfungen auch spezifische Eigenschaften des Adjuvans selbst.1

1 DE LA HERRÁN-ARITA, A.K. et al.: Sci. Transl. Med. 2013; 5: 216ra176 (13 Seiten)
2 American Academy of Sleep Medicine: Pressemitteilung vom 2. Jan. 2014
http://www.aasmnet.org/articles.aspx?id=4451
3 HAN, F. et al.: Ann. Neurol. 2011; 70: 410-7

© 2014 arznei-telegramm, publiziert am 17. Januar 2014

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