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Neu auf dem Markt

LURASIDON (LATUDA) BEI SCHIZOPHRENIE

Seit 1. November 2014 ist mit Lurasidon (LATUDA) ein weiteres Neuroleptikum zur Behandlung der Schizophrenie Erwachsener auf dem deutschen Markt.1 In dieser Indikation ist es in den USA bereits seit 2011 erhältlich, seit 2013 dort auch zur Behandlung der Depression im Rahmen bipolarer Störungen.2,3

EIGENSCHAFTEN: Lurasidon besitzt als Benzisothiazolderivat strukturelle Ähnlichkeit mit Ziprasidon (ZELDOX, Generika). Wie dieses und andere Neuroleptika blockiert Lurasidon Dopamin-D2-Rezeptoren und Serotonin-5-HT2A-Rezeptoren sowie zusätzlich auch 5-HT7-Rezeptoren. Auf 5-HT1A-Rezeptoren soll es partiell agonistisch wirken. Fehlende Bindung an muskarinerge und cholinerge Rezeptoren soll Störwirkungen wie Sedation und Gewichtszunahme verringern.1,4 Der genaue Wirkmechanismus von Lurasidon ist unbekannt.3

KLINISCHE WIRKSAMKEIT: Die europäische Zulassung von Lurasidon beruht im Wesentlichen auf drei sechswöchigen plazebokontrollierten Studien5-8 zur Akutbehandlung der Schizophrenie sowie auf drei Langzeitstudien zur Erhaltungstherapie: eine 28-wöchige plazebokontrollierte Studie5 im Absetzdesign, ein randomisierter Verumvergleich9 mit Risperidon (RISPERDAL, Generika) und eine nicht randomisierte Extensionsstudie10 zum Vergleich mit retardiertem Quetiapin (SEROQUEL PROLONG, Generika) über jeweils ein Jahr. Eingeschlossen werden insgesamt 2.380 jüngere, meist männliche Patienten. Suizidalität in der Vorgeschichte, Sucht- oder andere schwere Begleiterkrankungen dürfen nicht vorliegen.5-10 Wie oft bei Studien zur Schizophrenie, sind die Therapieabbruchraten hoch, was die Aussagekraft der Studien einschränkt (vgl. a-t 2004; 35: 81-2).

In den Kurzzeitstudien zur Akuttherapie wirken täglich 37 mg bis 148 mg* Lurasidon auf Positiv- und Negativsymptome (PANSS**) der Erkrankung nur mäßig und nicht immer signifikant besser als Plazebo. Eine konsistente Dosis-Wirkungs-Beziehung lässt sich nicht erkennen.5

* Diese Dosierungen entsprechen 40 mg bis 160 mg Lurasidonhydrochlorid.
** PANSS = Positive and Negative Syndrome Scale. Die Ausprägung 30 verschiedener Symptome (je 7 positive und negative Symptome, 16 zur allgemeinen Psychopathologie) wird mit 1 (nicht vorhanden) bis 7 (extrem ausgeprägt) Punkten bewertet, maximale Punktzahl 210. In die Akutstudien werden Patienten mit mindestens 80 Punkten eingeschlossen.6-8

In einer großen Netzwerk-Metaanalyse, die die Wirksamkeit und Verträglichkeit von 15 verschiedenen, vor allem neueren Neuroleptika in der Akuttherapie der Schizophrenie direkt und indirekt vergleicht, rangiert Lurasidon hinsichtlich seiner Effektivität an zweitletzter Stelle,11 gefolgt nur noch von Iloperidon (USA: FANAPT), dessen Zulassung die EMA unter anderem wegen kardialer Risiken abgelehnt hat.12

In der 28-wöchigen Langzeitstudie zur Erhaltungstherapie treten unter täglich 37 mg bis 74 mg Lurasidon seltener Rezidive auf als unter Plazebo (30% vs. 41%; HR 0,66; 95% CI 0,45-0,98).5 Im Verumvergleich wird Nichtunterlegenheit von täglich 37 mg bis 111 mg Lurasidon zur Rückfallprophylaxe gegenüber täglich 2 mg bis 6 mg Risperidon verfehlt (20% vs. 16%; HR 1,31 [95% CI 0,87-1,92]). In einer Tagesdosis von bis zu 148 mg soll Lurasidon zwar ähnlich wie retardiertes Quetiapin (täglich 200 mg*** bis 800 mg) wirken, das nicht randomisierte Design der Studie bietet aber erhebliches Verzerrungspotenzial.5

*** Die subtherapeutische 200-mg-Dosierung erhält offenbar nur ein Patient.10

VERTRÄGLICHKEIT: Die häufigste Störwirkung in Phase-II- und .III-Studien ist Akathisie (13,6%),5 die im Vergleich zu Risperidon öfter auftritt (14,3% vs. 7,9%).9 Nach den Daten des europäischen Beurteilungsberichts (EPAR) kommen extrapyramidale Störwirkungen insgesamt unter Lurasidon mit 25,6% ähnlich häufig vor wie unter Risperidon (27,7%) oder Olanzapin (ZYPREXA, Generika; 23%).5 In der Netzwerk-Analyse gehört Lurasidon aber bezüglich extrapyramidaler Bewegungsstörungen zu den am wenigsten verträglichen Neuroleptika und rangiert auf einer Stufe mit dem Phenothiazin Chlorpromazin (außer Handel: MEGAPHEN).11 Spätdyskinesien sind bei 0,3%, ein malignes neuroleptisches Syndrom bei zwei Studienteilnehmern beschrieben.5

Andere häufige Störwirkungen in zulassungsrelevanten Kurz- und Langzeitstudien sind Somnolenz (7,9% bzw. 10,1% vs. 2,7% unter Plazebo), Sedation (7,5% bzw. 9,9% vs. 3,4%), Übelkeit (7,2% bzw. 13,3% vs. 3,7%) und Erbrechen (5,0% bzw. 8,2% vs. 3,7%). Übelkeit und Erbrechen sind damit numerisch häufiger als unter allen Vergleichspartnern in aktiv kontrollierten Studien.5

Wie unter anderen Neuroleptika kann auch unter Lurasidon der Serumprolaktinspiegel ansteigen. Hypersensitivitätsreaktionen einschließlich Angioödem sind beschrieben.5 Bedenkliche Verlängerungen des QT-Intervalls auf über 500 ms werden im Studienprogramm nicht beobachtet, nach Markteinführung bei zwei Patienten in den USA aber berichtet.5

Metabolische Störwirkungen sollen unter Lurasidon gering ausgeprägt sein,5 das Körpergewicht soll in Kurzzeitstudien nicht stärker ansteigen als unter Plazebo.11

KOSTEN: Täglich 74 mg Lurasidon (LATUDA) kosten im Monat 230 € und damit etwa das 2,5-Fache eines preiswerten Quetiapin-Retard-Generikums (QUETIAPIN ACCORD 300 mg RETARD; monatlich 91 € bei täglich 600 mg) und das 29-Fache von täglich 10 mg eines Haloperidol-Generikums (HALOPERIDOL 10-1 A PHARMA; monatlich 8 €).

∎  Das neue bei Schizophrenie Erwachsener angebotene Lurasidon (LATUDA) ist in zulassungsrelevanten Kurzzeitstudien zur Akutbehandlung nur mäßig effektiver als Plazebo. In einer aktuellen Netzwerk-Metaanalyse rangiert es hinsichtlich der Wirksamkeit an vorletzter Stelle der untersuchten Neuroleptika. In einer Langzeitstudie wird Nichtunterlegenheit von Lurasidon zur Rückfallprophylaxe gegenüber Risperidon (RISPERDAL, Generika) verfehlt.

∎  Jeder vierte Patient entwickelt unter Lurasidon extrapyramidale Störwirkungen. In der Netzwerk-Metaanalyse rangiert es diesbezüglich auf einer Stufe mit dem Phenothiazin Chlorpromazin (früher MEGAPHEN) und ist schlechter verträglich als die meisten der untersuchten Neuroleptika. Weitere häufige Störwirkungen sind Übelkeit und Erbrechen.

∎  Wir sehen keinen Stellenwert für Lurasidon.

  (R = randomisierte Studie, M = Metaanalyse)
1 Takeda: Fachinformation LATUDA, Stand Juli 2014
2 Scrip 2013; Nr. 3657: 9
3 Sunovion: US-amerikanische Produktinformation LATUDA, Stand Juli 2013; http://www.a-turl.de/?k=eibe
4 CACCIA, S. et al.: Neuropsychiatr. Dis. Treat. 2012; 8: 155-68
5 EMA: Europ. Beurteilungsbericht (EPAR) LATUDA, Stand Jan. 2014; http://www.a-turl.de/?k=eusi
R    6 NASRALLAH, H.A. et al.: J. Psychiatr. Res. 2013; 47: 670-7
R    7 LOEBEL, A. et al.: Schizophr. Res. 2013; 145: 101-9
R    8 MELTZER, H.Y. et al.: Am. J. Psychiatry 2011; 168: 957-67
R    9 CITROME, L. et al.: Int. Clin. Psychopharmacol. 2012; 27: 165-76
10 LOEBEL, A. et al.: Schizophr. Res. 2013; 147: 95-102
M  11 LEUCHT, S. et al.: Lancet 2013; 382: 951-62
12 EMA: Questions and answers. Withdrawal of the marketing authorisation application for Fanaptum (iloperidone), 21. März 2013 http://www.a-turl.de/?k=stha

© 2014 arznei-telegramm, publiziert am 12. Dezember 2014

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