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Korrespondenz

WAS BRINGT COLCHICIN BEI COVID-19?

Es existieren angeblich Studien bezüglich COVID-19-Erkrankungen und der Behandlung mit Colchicin (COLCHYSAT u.a.). Ist Ihnen diesbezüglich Näheres bekannt?

G. LAHRSOW (Facharzt für Dermatologie)
D-97355 Castell
Interessenkonflikt: keiner

Das hierzulande zur Therapie akuter Gichtanfälle zugelassene perorale Spindelgift Colchicin1 (COLCHYSAT u.a.) soll experimentellen Untersuchungen zufolge entzündliche Zytokine hemmen, deren Effekte in der Pathogenese der COVID-19-Erkrankung bedeutsam sind.2,3 Zum klinischen Nutzen des Gichtmittels bei nichthospitalisierten COVID-19-Erkrankten liegt derzeit lediglich eine randomisierte plazebokontrollierte Doppelblindstudie vor, die kanadische COLCORONA-Studie,2 die allerdings nur als Vorabdruck auf einem Preprint-Server zugänglich ist – somit ohne Peer-Review.

Ursprünglich sollte COLCORONA 6.000 Patienten einschließen, sie wird jedoch unter anderem aufgrund „logistischer Probleme“ vorzeitig beendet. Ausgewertet werden Daten von 4.488 im Mittel knapp 55-jährigen COVID-19-Erkrankten (54% Frauen) mit mindestens einem Risikofaktor für einen schweren Krankheitsverlauf.* Sie nehmen im Mittel 26 Tage lang entweder einmal täglich (in den ersten drei Tagen zweimal täglich) 0,5 mg Colchicin oder Plazebo ein. Vorteile lassen sich für das Spindelgift nicht nachweisen: Unter Verum treten bei 4,7% der Teilnehmer Ereignisse des primären Endpunkts auf, der Kombination aus Tod oder Krankenhausaufnahme wegen COVID-19 innerhalb von 30 Tagen, unter Plazebo bei 5,8% (Odds Ratio [OR] 0,79; 95,1% Konfidenzintervall [CI] 0,61-1,03). Auch für die sekundären Endpunkte Hospitalisierung (OR 0,79; 95% CI 0,60-1,03), Sterblichkeit (OR 0,56; 95% CI 0,19-1,67) sowie Notwendigkeit einer mechanischen Beatmung (OR 0,53; 95% CI 0,25-1,09) wird Signifikanz verfehlt.2

*Risikofaktoren für schweren Krankheitsverlauf: ≥ 70 Jahre, Diabetes mellitus, unzureichend eingestellte arterielle Hypertonie (≥ 150 mmHg systolisch), bekannte respiratorische/koronararterielle Erkrankung, Herzinsuffizienz u.a.1

In der präspezifizierten Subgruppe PCR-bestätigter Erkrankungen (n = 4.159, 92,7%) wird zwar für den primären Endpunkt (4,6% versus 6,0%; OR 0,75; 95% CI 0,57-0,99) und für Hospitalisierungen allein (OR 0,75; 95% CI 0,57-0,99) ein signifikanter Unterschied ermittelt.2 Dies ist jedoch angesichts des nicht signifikanten Ergebnisses in der Gesamtgruppe nur als hypothesengenerierend einzustufen und bedarf einer Bestätigung. Zudem dürfte COLCORONA unterpowert sein. Für multiples Testen wird nicht adjustiert.4

Lediglich als Pressemitteilung5 liegen derzeit die Ergebnisse einer großen randomisierten Studie an hospitalisierten COVID-19-Erkrankten vor, der mehrarmigen britischen RECOVERY-Studie (z.B. a-t 2020; 51: 49-50, siehe auch e a-t 3/2021b), deren Colchicin-Arm Anfang März 2021 geschlossen wurde. Grund hierfür ist eine Zwischenanalyse, der zufolge für den primären Endpunkt, die 28-Tage-Mortalität, bei 20% unter Colchicin als Zusatz zur üblichen Therapie versus 19% unter üblicher Therapie allein eine Risk Ratio von 1,02 (95% CI 0,94-1,11) errechnet wird und daher der Nachweis eines Sterblichkeitsvorteils bei Fortsetzung der Rekrutierung unwahrscheinlich erscheint.5 Zwei weitere randomisierte Untersuchungen, allerdings mit lediglich 756 bzw. 1057 COVID-19-Hospitalisierten, eigenen sich wegen der geringen Größe und mangelhafter Qualität (u.a. unzureichend definierte Endpunkte6 bzw. offene Durchführung und fehlende Plazebokontrolle7)4 unseres Erachtens nicht als Nutzenbelege.

Dem nicht belegten Nutzen steht ein breites Spektrum unerwünschter Wirkungen gegenüber, das unter anderem Nieren-, Leber- und Muskelschädigung sowie gastrointestinale Toxizität umfasst. Zudem weist das Spindelgift eine enge therapeutische Breite auf.1 Schwerwiegende, zum Teil tödliche Überdosierungen sowohl der Tabletten- als auch der Tropfen-Zubereitungen sind mehrfach berichtet worden (a-t 2018; 47: 103 u.a.). In COLCORONA werden unter Colchicin gastrointestinale Störwirkungen (23,9% vs. 14,8% unter Plazebo, p < 0,0001) einschließlich Diarrhö (13,7% vs. 7,3%, p < 0,0001) deutlich häufiger beschrieben. Besorgniserregend ist zudem, dass das Risiko für Lungenembolien unter dem Gichtmittel auf das Fünffache steigt (0,5% vs. 0,1%, p = 0,01). Die Ursachen hierfür sind unklar.2

Ein klinischer Nutzen der Off-label-Einnahme des zur Therapie akuter Gichtanfälle zugelassenen Spindelgifts Colchicin (COLCHYSAT u.a.) bei COVID-19 ist nicht belegt.

(R = randomisierte Studie)
1Ysatfabrik: Fachinformation COLCHYSAT Bürger, Stand Juli 2018
R2TARDIF, J.C. et al.: medRxiv (Preprint), online publ. am 27. Jan. 2021; http://www.a-turl.de/?k=iebr (22 Seiten)
3Robert Koch-Institut: Medikamentöse Therapie bei COVID-19 mit Bewertung durch die Fachgruppe COVRIIN. Stand Febr. 2021; http://www.a-turl.de/?k=osto
4FERNER, R.E. et al.: Drug vignettes: Colchicine, Stand Febr. 2021; http://www.a-turl.de/?k=rosc
5RECOVERY Collaborative Group: Pressemitteilung vom 5. März 2021; http://www.a-turl.de/?k=dlko
R6LOPES, M. I. et al.: RMD Open 2021; 7: e001455 (8 Seiten)
R7DEFTEREOS, S.G. et al: JAMA Netw. Open 2020; 3: e2013136 (14 Seiten)

© 2021 arznei-telegramm, publiziert am 19. März 2021

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