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ERFAHRUNGEN MIT NEUEN WIRKSTOFFEN

ACE-Hemmer: "Die Kenntnis, daß Husten eine Nebenwirkung von ACE-Hemmern sein kann, ist nach wie vor nicht ausreichend verbreitet", klagt ein Chefarzt aus dem Münchener Raum und berichtet dem NETZWERK DER GEGENSEITIGEN INFORMATION die Leidensgeschichte eines 57jährigen Mannes, der drei bis vier Wochen nach Therapiebeginn mit dem ACE-Hemmer Perindopril (COVERSUM) chronischen Reizhusten entwickelte. Die zunächst vom behandelnden HNO-Arzt eingeleitete Antibiotika- und Inhalationstherapie blieb ohne Erfolg. Der Husten besserte sich erst nach Absetzen des ACE-Hemmers und verschwand nach zwei bis drei Wochen. Gleichzeitig klang eine bestehende 2:1 ventrikuläre Extrasystolie nach Ersatz von Perindopril durch einen Betablocker ab (NETZWERK-Fall 4123). Fünf von sieben Berichten zu Lisinopril (ACERBON, CORIC) betreffen ebenfalls Husten (NETZWERK-Fälle 3742, 3743, 3915, 4084 und 4207). Die Häufigkeit von Hustenreiz unter ACE-Hemmern wird heute mit 15% angegeben (vgl. a-t 3 [1990], 34). Erst durch Veröffentlichung einer Mitteilung in a-t 1 (1986), 7 wurden hierzulande die Atemwegsbeschwerden als ACE-Hemmer-bedingt erkannt.

Kalziumantagonist Nitrendipin (BAYOTENSIN): Zu Nitrendipin (BAYOTENSIN) gingen 14 Meldungen von Internisten, Allgemeinmedizinern und praktischen Ärzten ein, besonders aus dem Postleitzahlbereich 6. Unter der Therapie nahm die Restsehfähigkeit eines kurzsichtigen Patienten dramatisch ab (NETZWERK-Fall 1773). Verschwommenes Sehen ist bereits von der Nitrendipin-Muttersubstanz Nifedipin (ADALAT u.a.) bekannt.1 Ein anderer Patient erlitt eine allergische Vaskulitis nach neunwöchiger Nitrendipin-Einnahme (NETZWERK-Fall 3468). Bei beiden Patienten verschwanden die Symptome nach Absetzen.

Betablocker Bisoprolol (CONCOR): Über Probleme beim Absetzen des Betablockers Bisoprolol berichtet eine Ärztin aus Niedersachsen bei einer normotonen 25jährigen Patientin: "Auf meine Frage, warum sie Bisoprolol (CONCOR) einnehme, erklärte sie, sie habe vor ca. 2½ Jahren einen erhöhten Blutdruck gehabt (ca. 150/90), der sich unter CONCOR normalisiert hätte. Sie hätte dann mehrmals versucht, das Medikament abzusetzen, einmal sogar für mehrere Wochen, und habe jedesmal starke Migräneanfälle bekommen. Jetzt traue sie sich nicht mehr, einen Auslaßversuch durchzuführen" (NETZWERK-Fall 4027).

Alphablocker Doxazosin (DIBLOCIN): Bei einer Frau mit Hepatitis entwickelte sich nach der Therapie mit Doxazosin (DIBLOCIN) wegen eines leichten Hypertonus eine tödlich verlaufende fulminante Hepatitis (NETZWERK-Fall 3661). Ein Internist berichtet uns über 2 Patientinnen, die einen lebensbedrohlichen Kreislaufkollaps bzw. eine Synkope mit Bewußtlosigkeit unter Doxazosin erlitten. Beide Frauen erholten sich nach Schocklagerung bzw. bei Eintreffen des Arztes (NETZWERK-Fälle 4193 und 4194).

Lipidsenker Lovastatin (MEVINACOR): 25 Meldungen in Verbindung mit dem HMG-CoA-Reduktasehemmer Lovastatin (MEVINACOR) deuten auf ein breites Spektrum von Störwirkungen hin. Muskelschmerzen können als Einzelsymptom auftreten (NETZWERK-Fall 3384) oder im Verbund mit Übelkeit, Schlaflosigkeit und Obstipation (NETZWERK-Fall 3879) oder mit Gelenkschmerzen bis zur Bewegungslosigkeit, die erst 2 Wochen nach Absetzen verschwanden (NETZWERK-Fall 4067). Bei einer Patientin gingen Beschwerden wie Übelkeit und Sodbrennen mit einer erheblichen Zunahme des Halsumfanges (Struma) einher (NETZWERK-Fall 3382). Die Befindlichkeit kann durch Kopfschmerzen, Depression und "Nebel vor den Augen" (NETZWERK-Fall 3412) oder durch Müdigkeit, Migräne, Magenbeschwerden und Gewichtszunahme (NETZWERK-Fall 3322) getrübt sein. In einem Fall wurde uns ein akutes Nierenversagen unter Multimedikation berichtet, wobei Lovastatin als auslösend angesehen wird (NETZWERK-Fall 3413). Befunde wie bei einer Leberschädigung, erkennbar durch Transaminasenanstieg, Müdigkeit und Juckreiz (NETZWERK-Fall 3476) können vorkommen ebenso wie ein starker Anstieg der Gamma-GT und Hinweise auf eine wahrscheinlich immunogene Hepatitis (NETZWERK-Fall 3460).

Neuartig und in der Literatur bislang noch nicht hinreichend beschrieben ist der Verdacht auf Auslösung einer Pankreatitis (NETZWERK-Fall 3482) durch Lovastatin, vollständiger Geruchs- und Geschmacksverlust (NETZWERK-Fall 3677, s. auch a-t 7 [1990], 67), "ungewöhnlich hartnäckige Perioraldermatitis" (NETZWERK-Fall 3713), "ausgeprägte Gingivitis" (NETZWERK-Fall 4136), Agranulozytose (NETZWERK-Fall 4074) und Immunvaskulitis (NETZWERK-Fall 4124). Paradoxe Effekte auf den Cholesterinstoffwechsel mit Anstieg des LDL- Cholesterins und Abfall des HDL nach anfänglichem Therapieerfolg mit Abfall des LDL-Cholesterins (NETZWERK-Fall 3592) wurden gemeldet.

Lipidsenker Acipimox (OLBEMOX): Bei einem 52jährigen Mann mit Hyperlipidämie mußte der nikotinsäureartige Lipidsenker Acipimox (OLBEMOX) wegen Übelkeit nach vier Tagen abgesetzt werden. Am Tag darauf kam es zu einem rechtshirnigen ischämischen Infarkt mit Hemiparese links (NETZWERK-Fall 3803), die sich nicht vollständig zurückbildete.

Malariamittel Mefloquin (LARIAM): Wir erhielten 25 Meldungen zu Mefloquin (LARIAM), davon betreffen 14 Störungen das Zentralnervensystem. Eine Frau, die Mefloquin zur Malariaprophylaxe einnahm, erlitt nach Einnahme der vierten Tablette eine zerebrale Ischämie mit Lähmung des linken Armes (NETZWERK-Fall 3519). Über starke und anhaltende Kopfschmerzen, Schwindel und depressive Symptomatik bei einer 32jährigen Frau nach einmaliger Einnahme von Mefloquin (NETZWERK-Fall 3262) berichteten wir in a-t 8 [1989], 74.

Eine in Göttingen beheimatete Patientin verspürte fünf Tage nach Einnahme der ersten Mefloquin-Tablette "Unruhe und Übelkeit": "Während der gesamten Reise von zwei Wochen hatte ich mit Übelkeit, Unruhe, Schlaflosigkeit und Angstzuständen zu kämpfen. Außerdem hatte ich Gangstörungen, Schwindel und Kopfschmerzen sowie Appetitlosigkeit." (NETZWERK-Fall 3450).

Der Leiter Betriebsärztliche Dienste eines großen Konzerns berichtet über "ausgeprägte, Wochen anhaltende depressive Verstimmungen mit Angstsymptomatik" nach Verwendung von Mefloquin für einen Kurzzeitaufenthalt in Südindien (NETZWERK-Fall 4206).

Bei der Erprobung von Mefloquin an sieben gesunden Probanden entwickelten alle untersuchten Personen neurologische Symptome innerhalb von sechs Stunden nach der Einnahme. Drei Probanden waren innerhalb der nächsten 3 bis 14 Tage in ihrem normalen Tagesablauf eingeschränkt.2 Die ausgeprägten und zum Teil langanhaltenden ZNS-Effekte stellen die Verwendbarkeit von Mefloquin zur Malariaprophylaxe in Frage – vor allem, weil der Tourist nicht seine gewohnten Aktivitäten entfalten kann.

Antihistaminika Astemizol (HISMANAL) und Loratidin (LISINO): Für Astemizol (HISMANAL) gingen uns insgesamt 11 Verdachtsmeldungen zu, davon ein Bericht über "Störung der Persönlichkeitsentwicklung", die zum Zeitpunkt der Meldung noch nicht behoben war (NETZWERK-Fall 3477) und eine Meldung über Müdigkeit, Kopfschmerz und erhöhten Augendruck (NETZWERK-Fall 3837), der bisher nicht beschrieben war. Die Symptome verschwanden zwei bis drei Tage nach Einnahme der letzten Dosis. Unter Loratadin (LISINO) wird bei einer 63jährigen Atopikerin eine "eigroße" Mammahypertrophie beschrieben (NETZWERK-Fall 4121).

Oralcephalosporin Cefuroximaxetil (ELOBACT): Fünf Tage nach Einnahme von Cefuroximaxetil (ELOBACT 125) setzte eine lebensbedrohliche pseudomembranöse Kolitis ein (NETZWERK-Fall 4066). Eine 61jährige Patientin klagte nach Einnahme von zwei unzerkauten Tabletten über eine schwere, anhaltende Beeinträchtigung des Geruchs- und Geschmackssinnes (NETZWERK-Fall 3772). Bisher finden wir lediglich Hinweise auf Geschmacksstörungen nach Cephalosporinen, z.B. nach Cefacetril.3

Lokalantimykotikum Naftifin (EXODERIL): Für das externe Antimykotikum Naftifin-HCl (EXODERIL) sind häufig vorkommende Hautreizungen bekannt. Ein Internist aus Frankfurt/M. meldete uns eine schwere, LYELL-Syndrom-ähnliche vesikobullöse Hautablösung, die nach Absetzen reversibel war (NETZWERK-Fall 2078).

Serrapeptase (ANIFLAZYM): Das gegen Entzündungen verwendete Enzymgemisch Serrapeptase (ANIFLAZYM) wird bei einem Patienten mit Kopfdruck und Herzklopfen bei einem Blutdruck von 180/80 in Verbindung gebracht (NETZWERK-Fall 1711) und bei einem siebenjährigen Mädchen mit allergischer Vaskulitis vom Typ SCHOENLEIN-HENOCH (NETZWERK-Fall 2046). Die Beschwerden verschwanden nach Absetzen.

Muskelrelaxans Tizanidin (SIRDALUD): Für Tizanidin (SIRDALUD) erfassen wir acht Berichte unerwünschter Wirkungen, darunter optische Halluzinationen bei zwei Patienten nach jeweils einmaliger Einnahme (NETZWERK-Fälle 1811, 1812), eine uterine Schmierblutung (NETZWERK-Fall 1296), eine Mammahyperplasie links (NETZWERK-Fall 2092) sowie eine akute Vergrößerung des linken Schilddrüsenlappens (NETZWERK-Fall 3391).

H2-Antagonist Famotidin (PEPDUL): Von neun Berichten zum H2-Antagonisten Famotidin (PEPDUL) betrifft einer einen 22jährigen Mann mit schmerzhafter Schwellung der linken Brustdrüse (NETZWERK-Fall 2217). Zu einer Schwellung der Mundschleimhaut, Schmerzen in den Bronchien und Stimmbandkatarrh kam es bei einem 56jährigen Mann. Er hatte bereits zuvor nach zweimaliger Einnahme von Pirenzepin (GASTROZEPIN, ULCOPROTECT) über zum Teil krampfartige gastrointestinale Beschwerden geklagt (NETZWERK-Fall 3226). Bei 2 Patienten traten reversible Gelenkschmerzen nach Einnahme von Famotidin auf (NETZWERK-Fälle 2095 und 2658).

Ulkusmittel Omeprazol (ANTRA): Anscheinend noch nicht beschriebene Störwirkungen in Verbindung mit dem Ulkusmittel Omeprazol (ANTRA) sind Impotenz (NETZWERK-Fall 3691), Hyperästhesie der Mamillen (NETZWERK-Fall 4023), idiopathischer Diabetes insipidus (NETZWERK-Fall 4024) und ständiger Bewegungsdrang (NETZWERK-Fall 4030). Von einem norddeutschen Internisten erhalten wir den Bericht über einen 52jährigen Patienten mit "zwei identischen Zwischenfällen" in Verbindung mit Omeprazol (ANTRA). "Als er nach zweiwöchiger Einnahme das Präparat absetzte, kam es zu einem eigenartigen, vorher nie dagewesenen Kreislaufkollaps." Dies wurde als Schmerzreaktion gedeutet und dem Patienten empfohlen, weiterhin ANTRA einzunehmen. "Nach sechswöchiger Therapie war er bereits seit langem beschwerdefrei. Wiederum nach Auslassen des Präparates kam es zu einer Kreislaufschwäche mit Kollapsneigung und Schweißausbruch. Der Patient selbst hält einen Zusammenhang mit dem Medikament für möglich, da er nie zuvor Kreislaufstörungen gehabt hat" (NETZWERK-Fall 3670).

MAO-B-Hemmer Selegilin (MOVERGAN): Eine 76jährige Patientin erlitt unter der Therapie mit dem MAO-B-Hemmer Selegilin (MOVERGAN) eine lebensbedrohliche Agranulozytose, die sich nach Absetzen vollständig besserte (NETZWERK-Fall 2666).

Interferon-Gamma (POLYFERON): Eine schwere immunallergische Pleuritis, Myokarditis, ein AV-Block dritten Grades, wodurch ein Schrittmacher nötig wurde und eine Spondylarthritis traten bei einem 79jährigen Mann auf, der wegen rheumatoider Arthritis das als pcP-Mittel angebotene Interferon-Gamma (POLYFERON) erhielt (NETZWERK-Fall 2958).

Injektionsnarkotikum Propofol (DISOPRIVAN): Nach dem neuen Injektionsnarkotikum Propofol (DISOPRIVAN) erlitt eine Patientin einen ausgeprägten Bronchospasmus, der eine Maskenbeatmung fast unmöglich machte (NETZWERK-Fall 2954). Das als besonderer Vorteil vom Hersteller propagierte rasche Erwachen (vgl. a-t 5 [1989], 51) ging bei mehreren Patienten mit unangenehmem Empfinden in den Stunden danach, Rastlosigkeit, dem Gefühl, bald "durchzudrehen", einer "verstopften Nase" und anhaltendem Husten einher. Die Häufigkeit derartiger Störwirkungen schätzt der meldende Anästhesist auf 5% (NETZWERK-Fall 4007).

Antidepressivum Fluoxetin (FLUCTIN): Zwölf Tage nach Einnahme des Antidepressivums Fluoxetin (FLUCTIN), das häufiger immunallergische Reaktionen auslöst und Selbsttötungsabsichten verstärken kann (vgl. a-t 7 [1990], 62), unternahm eine 29jährige Patientin einen Suizidversuch (NETZWERK-Fall 3936).

Neuroleptikum Zotepin (NIPOLEPT): Für den neuen Wirkstoff Zotepin (NIPOLEPT) finden wir im Abschnitt "Nebenwirkungen" der Gebrauchsinformation den Hinweis, Ödeme gehörten zu den unter Neuroleptika-Behandlung möglichen Nebenwirkungen. Ein NETZWERK-Bericht erhellt die Dimension des Risikos: Ein 46jähriger Patient erhielt Zotepin als Prüfpräparat in mehr als der doppelten empfohlenen Dosierung zusammen mit Clorazepat (TRANXILIUM) und Flurazepam (DALMADORM). Am dritten Tag nach Beginn der Medikation verliert der Proband das Bewußtsein. Es kommt zum Exitus letalis. Laut Obduktionsbericht bildet ein "Lungenödem" die Todesursache (NETZWERK-Fall 1002). Der pharmazeutische Anbieter sieht in der verharmlosenden Darstellung der NIPOLEPT-Eigenschaften keinen Mangel: "Der Wortlaut der wissenschaftlichen/pharmazeutischen Charakterisierung des Arzneimittels in Packungsbeilage und Fachinformation ist letztlich das Resultat einer engen Zusammenarbeit und Abstimmung mit den an der klinischen Prüfung beteiligten Ärzten und Gutachtern sowie dem Bundesgesundheitsamt ...". (Klinge Pharma am 26. September 1990).

FAZIT: Im NETZWERK DER GEGENSEITIGEN INFORMATION registrieren wir Verdachtsmeldungen mit der Einschätzung der Melder. Ein Kausalzusammenhang zu dem jeweils verdächtigten Medikament kann nicht unmittelbar abgeleitet werden. Besonders für erst kurze Zeit erhältliche Mittel liefert das NETZWERK Hinweise auf bislang noch unbekannte Risiken.

1

KASTRUP, E. K. (ed.): "Drugs, Facts and Comparisons", Lippincott, St. Louis, 1989, S. 149g

2

PATCHEN, L. C. et al.: N. Engl. J. Med. 321 (1989), 1415

3

DUKES, M. N. G. (ed.): "MEYLER's Side Effects of Drugs", Elsevier Amsterdam, 11. Aufl. (1988), S. 516


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