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Im Blickpunkt

NEUROLEPTIKA UND PROPHYLAKTISCHE GABE VON ANTICHOLINERGIKA
... eine WHO-Konsensus-Stellungnahme

Anticholinergika wie Biperiden (AKINETON u.a.) werden sowohl zur Behandlung früher Neuroleptika-induzierter extrapyramidaler Störeffekte (Parkinsonismus, Dys-tonie) verwendet als auch von Beginn einer antipsychotischen Therapie an, um solchen Störeffekten vorzubeugen.

Nach Ansicht der Verfechter der prophylaktischen Gabe von Anticholinergika sollen diese das Auftreten neurologischer Manifestationen wie Akinesie und Akathisie verhindern. Da sie psychopathologische Symptome der Schizophrenie imitieren oder verstärken können, verleiten sie bisweilen zur unangemessenen Erhöhung der Neuroleptika-Dosis. Unbewiesen ist, daß Anticholinergika die Therapietreue der Patienten bessern.

Argumente gegen die prophylaktische Verwendung von Antiparkinson-Mitteln überwiegen:

  • Die Langzeitverordnung von Anticholinergika kann zur tardiven Dyskinesie prädisponieren. So verschlechtern Anticholinergika das Syndrom bei betroffenen Patienten. Sie wurden sogar als Hilfe zur frühzeitigen Entdekkung der tardiven Dyskinesie verwendet.
  • Anticholinergika können zum Teil schwerwiegende autonome Störeffekte bedingen wie Harnretention oder paralytischer Ileus.
  • Wahrscheinlich beeinträchtigt die langzeitige Verabreichung von Anticholinergika Gedächtnisfunktionen und gefährdet so zusätzlich die bereits beeinträchtigte Leistungsfähigkeit schizophrener Patienten.
  • Es besteht die Möglichkeit, daß Anticholinergika zur Entwicklung zum Teil lebensbedrohlich verlaufender hyperthermer Episoden beitragen.
  • Die Einnahme von Anticholinergika-Überdosen mündet in ein akutes toxisches Stadium mit Agitation, Verwirrtheit, räumlicher und zeitlicher Desorientierung, Wahnvorstellungen und Halluzinationen.
  • In einigen Fällen werden Anticholinergika von euphorischen Patienten abhängig mißbraucht.
  • Es gibt Hinweise, daß Anticholinergika die therapeutische Wirkung von Neuroleptika mindern können. Dies beruht nicht auf pharmakokinetischer Interaktion.
  • Viele Patienten entwickeln unter antipsychotischer Therapie keinen Parkinsonismus. Die Prophylaxe mit Antiparkinsonmitteln ist daher oft überflüssig.

FAZIT: Die prophylaktische Anwendung von Anticholinergika wird für Patienten unter neuroleptischer Therapie nicht mehr als sinnvoll empfohlen. Allenfalls im frühen Stadium der Behandlung kann eine kurzfristige symptomatische Gabe sinnvoll sein. In der Regel sollen Anticholinergika nur verordnet werden, wenn Parkinsonismus akut auftritt und wenn andere Maßnahmen wie Reduktion der neuroleptischen Dosis oder Umstellung auf andere Neuroleptika ohne Erfolg blieben.

WHO Consensus-Statement, zitiert nach Intern. Drug Ther. Newsletter 25:8 (1990), 31 / ati d

In der Literatur fehlen Hinweise, wie lange eine kombinierte Neuroleptika/Antiparkinson-Therapie vorgenommen werden soll. Für initiale Dyskinesien läßt sich eine vier- bis siebentägige Prophylaxe mit Anticholinergika rechtfertigen. Es soll stets symptomatisch und nicht starr schematisch behandelt werden (Red.).


© 1990 arznei-telegramm

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