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Übersicht

WAS IST GESICHERT IN DER THERAPIE MIT MAGNESIUM? (II)

Für einige sehr spezielle Indikationen in der Kardiologie wie Digitalis-induzierte tachykarde Rhythmusstörungen sowie zur krampfhemmenden Therapie bei Eklampsie und zur akuten Tokolyse gilt die parenterale Magnesium-Gabe als begründet und in einigen Fällen als gesichert wirksam. Wir setzen unsere Übersicht (a-t 6 [1991], 51) fort und besprechen Anwendungsgebiete, die mehr dem Bereich der Indikationslyrik zuzusprechen sind.

WENIGER BEGRÜNDETE INDIKATIONEN

BLUTHOCHDRUCK: Magnesium-Kurzinfusionen (16 mmol in 10 - 15 Minuten) senken den erhöhten mittleren Blutdruck durch Abnahme des peripheren Widerstandes (14 bis 34%) um 7 bis 11%.18 Eine unkontrollierte Studie deutet eine antihypertensive Wirksamkeit der oralen Langzeitmedikation (15 mmol/Tag über 6 Monate) an.30 Spätere Plazebo-kontrollierte Studien bestätigen jedoch bei vergleichbarer Magnesiumdosierung diese Ergebnisse nicht.31,32 Zwar scheint Kalium per os den Blutdruck signifikant zu senken. Der Effekt läßt sich jedoch durch zusätzliche Gabe von Magnesium (20 mmol/Tag über 8 Wochen) nicht verbessern.33 Damit gibt es derzeit keine ausreichenden Belege für eine antihypertensive Wirksamkeit oraler Magnesium-Präparate.

FETTSTOFFWECHSELSTÖRUNGEN: Aus epidemiologischen Studien ergaben sich Hinweise auf eine inverse Beziehung zwischen Sterblichkeit durch Herzkreislauferkrankungen und Trinkwasserhärte. Als Schutzfaktor wurde Magnesium vermutet: Nach tierexperimentellen Untersuchungen kann einerseits eine Magnesium-Mangelernährung zu Hyperlipidämien, Gefäßthrombosen und veränderter Plättchenfunktion führen und andererseits Magnesium-Mast zur Abnahme der Serumlipide und Verlangsamung atherosklerotischer Prozesse.34,37

In einer unkontrollierten Pilotstudie nahm das Gesamt-Cholesterin unter oraler Magnesium-Medikation (18 mmol/Tag) ab und die HDL-Fraktion zu.35 In der bisher einzigen Plazebo-kontrollierten Doppelblindstudie hat Magnesium (15 mmol/Tag per os) nach 3 Monaten jedoch keinen signifikanten Effekt auf Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin und Triglyzeride. Das HDL-Cholesterin war nur tendenziell höher als unter Plazebo (6%). Allein der Apolipoprotein-B-Spiegel lag unter Magnesium niedriger (15%).36 Möglicherweise spiegeln diese Veränderungen nur eine Störung der Fettresorption durch die laxierende Wirkung von Magnesiumsalzen wider. In der Therapie von Hyperlipidämien und zur Protektion einer Atherosklerose hat Magnesium keine gesicherte Indikation. Dies gilt u.E. auch für ein Magnesiumsalz aus Pyridoxal-5-phosphat und Glutaminsäure (SEDALIPID), welche als risikoarme Alternative zu Lipidsenkern propagiert wird (vgl. transparenz-telegramm 1990/91, Seite 241).

CHRONISCH TETANISCHES SYNDROM (idiopathische Tetanie, Spasmophilie, Wadenkrämpfe u.ä.): Hiermit wird ein vieldeutiges Beschwerdebild bezeichnet (innere Unruhe, Reizbarkeit, Konzentrations-, Seh- und Schlafstörungen, Hypotonie, Tachykardie, allgemeine körperliche und geistige Schwäche, Schwindelzustände, Muskel- und Wadenkrämpfe u.ä.), das von eigentlichen tetanischen Anfällen (Carpopedalspasmen, akrale und periorale Parästhesien) infolge Hypokalzämie, Hypomagnesiämie oder hyperventilationsbedingter Alkalose abzugrenzen ist. Die vieldeutige Symptomatik des chronisch tetanischen Syndroms und das bekannt gute Ansprechen auf Plazebo erfordern eine Überprüfung der Therapie-Strategien durch methodisch einwandfreie plazebokontrollierte Doppelblindstudien.

Die Mehrzahl der Untersuchungen, die eine Wirksamkeit von Magnesium beim chronisch tetanischen Syndrom,43,44 bei Wadenkrämpfen in der Schwangerschaft45 oder bei psycho-vegetativen Beschwerden im Kindesalter46 postulieren, sind mit erheblichen Mängeln in Studienanlage, Methodik und Dokumentation belastet. Bisher wurde erst eine randomisierte und kontrollierte Doppelblindstudie mit Magnesium (360 mg/Tag per os) beim chronisch tetanischen Syndrom durchgeführt. Standardisierte Fragebögen zur Beschwerdesymptomatik und elektromyographische Untersuchungen erbrachten keinen Vorteil gegenüber Plazebo. Lediglich beim nicht standardisiert erhobenen "klinischen Allgemeinstatus" und bei zwei Subkriterien innerhalb verschiedenster psychometrischer Tests zeigte Magnesium einen fraglichen Nutzen.47 Somit ist die Wirksamkeit einer Magnesium-Therapie beim chronisch tetanischen Syndrom nach den derzeitigen Befunden nicht belegt.

VERSCHIEDENE INDIKATIONEN: In der Urologie wird der Nutzen von Magnesium zur Prophylaxe von Kalzium-Oxalat-Nierensteinen seit Jahren kontrovers beurteilt. Magnesium soll die intestinale Aufnahme und die endogene Synthese von Oxalat hemmen sowie vor allem die Löslichkeit von Kalzium- Oxalat durch Komplexbildung steigern. Hinweise auf eine Abnahme der Steinepisoden unter Magnesium per os (300 mg/Tag) stammen aus unkontrollierten Beobachtungsstudien.38,39,48 Kontrollierte randomisierte Studien liegen nicht vor. Für das polyätiologische Kalzium-Oxalat-Steinleiden ist die Indikation für Magnesium somit nicht gesichert.

Beim Diabetes mellitus findet sich aus nicht ganz geklärten Gründen häufig eine Hypomagnesiämie. Direkte Beziehungen zwischen niedrigen Magnesiumspiegeln und diabetischen Spätkomplikationen (Retinopathie, Neuropathie) sind jedoch unbewiesen.34 In einer Cross-over-Studie besserte sich die Glukoseaufnahme in das Gewebe durch Magnesium gering.40 Ein Nutzen für die klinische Praxis folgt u.E. hieraus nicht.

Möglicherweise läßt sich beim Asthma bronchiale die relaxierende Wirkung von intravenösem Magnesium auf die glatte Muskulatur therapeutisch nutzen. Entsprechende positive Befunde wurden zunächst bei Untersuchungen an wenigen Patienten erhoben41 und in einer neueren Plazebo-kontrollierten Studie bestätigt. Bei Exazerbation eines schweren, auf Betamimetika resistenten Asthmas wiesen die Patienten 20 Minuten nach Magnesiuminjektion (1,2 g i.v. in 20 Minuten) einen besseren Peak-flow auf (297 ml/min versus 225 ml/min) und mußten seltener hospitalisiert werden.42 Für weitergehende Empfehlungen erscheinen die Erfahrungen jedoch nicht ausreichend.

Das chronische Müdigkeitssyndrom (benigne Enzephalomyelitis "chronic-fatigue syndrome" u.ä.) wird im angloamerikanischen Raum relativ häufig diagnostiziert. Über Ätiologie und Pathogenese dieser meist nach Virusinfekten auftretenden Erkrankung besteht Uneinigkeit. Zur Diagnose müssen bestimmte Symptomkriterien erfüllt sein. Eine gesicherte Therapie fehlt bisher. In einer aktuellen Untersuchung besserte sich die Symptomatik durch Magnesium per os im Vergleich zu Plazebo.49 Allerdings wiesen die Patienten überwiegend einen Magnesiummangel auf, der strenggenommen die Diagnose eines chronischen Müdigkeitssyndroms nicht erlaubt.

FAZIT: Von den vielen beanspruchten Indikationen für eine Magnesium-Therapie sind wenige ausreichend gesichert. Hierzu zählen die hochdosierte parenterale Anwendung bei speziellen tachykarden Herzrhythmusstörungen sowie die krampfhemmende Therapie bei Eklampsie und die i.v.-Tokolyse (vgl. Vorausgabe).

Zur blutdrucksenkenden Behandlung eignet sich Magnesium per os nicht. Die günstigen Ergebnisse der parenteralen Anwendung beim akuten Asthmaanfall bedürfen der Bestätigung. Eine Wirksamkeit beim chronisch tetanischen Syndrom scheint nicht belegt. Ebenso fehlen ausreichende Nachweise für den Nutzen der Anwendung bei Diabetes mellitus und zur Propyhlaxe von Kalzium-Oxalat-Steinen.


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