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Im Blickpunkt

LIPPENHERPES –
ACICLOVIR (ZOVIRAX)-CREME EIN ALLHEILMITTEL?

"Lippenherpes optimal therapieren" – Unter diesem Stichwort wird seit Juli 1992 eine 2-g-Tube Aciclovir zur topischen Anwendung rezeptfrei in Apotheken als "Die Blaue (ZOVIRAX) - die Nr. 1 bei Lippenherpes" angeboten. Nach dem Willen der Anbieter soll die Therapie der Herpeserkrankungen aus der Hand des Arztes verlagert werden: "Eine Apotheke ist statistisch betrachtet für 500 Betroffene zuständig. ... Durch den Apothekennotdienst kann auch außerhalb der Sprechstundenzeiten schnelle Hilfe geleistet werden."1

In einer Bewertung der ZOVIRAX-Creme in der Deutschen Apotheker Zeitung wird die Freistellung von der Rezeptpflicht begrüßt. Die Selbstmedikation mit ZOVIRAX-Creme sei "bedenkenlos zu empfehlen".2 In die Hand eines Arztes gehörten allerdings Fälle mit multilokulärer Ausprägung und einer starken Lokalreaktion mit Schwellung und Rötung der Haut.

Die lokale Aciclovir-Selbstbehandlung sieht ein von uns befragter erfahrener Dermatologe differenzierter. Eine Rezidiv-Verhütung des Herpes simplex sei auch bei frühzeitiger Anwendung von Aciclovir lokal wohl meist nicht möglich. Die örtliche Anwendung führe jedoch in der Regel zu einer wesentlichen Abschwächung der Bläscheneruptionen. Er schreibt uns:

"Ich hätte größte Bedenken, die ZOVIRAX-Creme etwa als rezeptfreies Präparat zur Selbstbehandlung zuzulassen, da ich immer wieder beobachte, daß solche Präparate, die sicher nicht frei von unerwünschten Wirkungen sind, von den Patienten völlig kritiklos und gelegentlich sogar bei falscher Diagnose angewendet werden. Darüber hinaus besteht die Gefahr, daß sich ein Kontaktekzem entwickelt, das dann von dem Patienten als Ausbreitung der Herpeseruption mißdeutet wird." Dieses Phänomen komme zwar vor allem bei Tromantadin (VIRU-MERZ) vor, werde jedoch auch als Aciclovir-Kontaktreaktion beschrieben. Die ärztliche Verordnung bei häufig rezidivierenden Lippenherpes-Affektionen hält der befragte Leiter einer Universitätsklinik aus Sicherheitsgründen für erforderlich.3

Distanziert bewertet auch die Verbraucher-Zeitschrift Test den Nutzen der ZOVIRAX-Creme:4 "Der schnelle Griff zum hochpotenten Mittel auch bei banalen Herpes-Infektionen wird von einer Reihe von Hautärzten und Virologen jedoch mit Skepsis gesehen". Die Wirksamkeit der Anwendung von Aciclovir als Salbe sei "umstritten". Begründet wird dies mit möglichen Nebenwirkungen des Medikamentes, die nur bei ungewöhnlich schwerem und kompliziertem Herpes hinzunehmen wären. Zudem bestehe die Gefahr, daß sich bei häufiger Anwendung gegen Aciclovir resistente Stämme des Herpesvirus ausbreiten können. Im doppelblinden Vergleich unterschied sich ZOVIRAX Creme zur frühzeitigen Kupierung eines Herpes labialis bei dem ersten Anzeichen nicht von Plazebo.5

Ablehnend beurteilte die norwegische Gesundheitsbehörde die Lokalbehandlung mit 5%iger Aciclovir-Creme. Die medizinische Dokumentation reiche nicht aus, um ihre medizinische Berechtigung zu belegen.6

Das Herpesvirus befindet sich während der inaktiven Phase der Vermehrung intrazellulär und wird dort auch durch Aciclovir nicht erreicht. Deshalb vermag die Aciclovir-Creme die Herpeserkrankung nicht zu heilen, sondern bestenfalls die aktive Krankheitsphase zu lindern – wie jede symptomatische austrocknende Behandlung (z.B. Zinkzubereitungen [VIRUDERMIN u.a.]).

Das Werbegetöse der Firmen Hoechst und Wellcome läßt indes keinen Zweifel an dem Nutzen von ZOVIRAX-Creme aufkommen. Plakativ wird eine attraktive Trompetenspielerin ins Anzeigenbild gesetzt: "... ihr Arzt wußte Rat und verordnete ihr sofort ZOVIRAX-Creme. Damit waren die sonst schmerzhaften und lästigen Bläschen erst gar nicht zum Ausbruch gekommen"7

Die Doppelstrategie der vertreibenden Firmen macht Sinn. Die quasi als Probepackung rezeptfrei für 35,29 DM erworbene Tube zu 2 g weckt Bedarf für Folgerezepte. Gleichzeitig wird ein rezeptfreies Mittel für die Selbstmedikation über Kassenrezept beworben. Die nach wie vor verschreibungspflichtigen Packungen zu 5 und 20 g ZOVIRAX-Creme kosten 68,65 DM bzw. 196,63 DM. Auf den Ausgabenanstieg der gesetzlichen Krankenkassen für dieses Präparat von bislang 58 Millionen DM jährlich darf man gespannt sein.


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