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KORTIKOID DEFLAZACORT (CALCORT) –
TATSÄCHLICH SO ANDERS?

Ein Schaf auf grüner Wiese soll in der Werbung für die Sanftheit von Deflazacort (CALCORT 6) bürgen, einem neuen Kortikoid von Merrell Dow/Henning. Einerseits handle es sich um "ein Kortikoid wie jedes andere". Andererseits verheißen die Hersteller, Deflazacort sei "weniger diabetogen" und "weniger Osteoporose-fördernd".1

Die Prednisolon (DECORTIN H)-Variante Deflazacort ist in Deutschland nur zur Behandlung der schweren rheumatoiden Arthritis zugelassen, wenn nichtsteroidale Antirheumatika unverträglich sind. Die Wirkung von 6 mg Deflazacort scheint in etwa der von 5 mg Prednison zu entsprechen. Die Störwirkungen2 der Neuerung gleichen grundsätzlich denen der übrigen Kortikoide.

Deflazacort soll "international ausgezeichnet dokumentiert" sein.3 Kronzeuge der behaupteten geringen Diabetogenität ist ein vierwöchiger Doppelblindvergleich von täglich 30 mg Deflazacort mit 25 mg Prednison an lediglich 10 insulinbehandelten Diabetikern.4 Im Gegensatz zu Prednison erhöhte Deflazacort nicht die Durchschnittswerte von Plasmaglukose, Insulinbedarf und Hämoglobin A1.1 Einzelwertangaben fehlen in dieser Studie. Unter Glukosebelastungstests nach zweimaliger Einnahme von 18 mg Deflazacort, 15 mg Prednison bzw. 1,5 mg Betamethason (BETNESOL u.a.) beeinflußte Deflazacort zwar nicht die Nüchternglukosespiegel gesunder junger Probanden, doch stiegen Plasma-Insulin und C-Peptid-Werte unter allen geprüften Kortikoiden pathophysiologisch gleichsinnig an.5

Osteoporose gilt als schwerwiegende Folge der langfristigen Kortikoid-Therapie, da der Verlust an Knochenmasse meist irreversibel ist. 23 Patienten mit nephrotischem Syndrom nahmen 6 bzw. 12 Monate lang täglich 80 bis 20 mg Prednison oder 96 bis 24 mg Deflazacort ein. Der Knochenmineralgehalt der Unterkiefer verringerte sich mit etwa 7% in beiden Gruppen gleich. Die Knochenmasse der Lendenwirbel nahm unter Prednison innerhalb eines Jahres um 12,6% ab im Vergleich zu 6,8% unter Deflazacort. In beiden Gruppen kam es zu keiner Fraktur,6 also zu keinem klinisch faßbaren Unterschied. Die Ergebnisse dieser kleinen Studie lassen sich nicht als klinischer Beleg für einen Vorteil von Deflazacort werten, zumal der Sinn von Knochendichtebestimmungen bei eiweißkatabolen Steroidwirkungen umstritten ist.

FAZIT: Das neue Kortikoid Deflazacort (CALCORT) ist in Deutschland lediglich zur Behandlung der schweren rheumatoiden Arthritis zugelassen. Es besitzt die typischen erwünschten und unerwünschten Eigenschaften dieser Wirkstoffgruppe, kostet jedoch bis zu zehnmal mehr als die Muttersubstanz Prednisolon (DECORTIN H, DURAPREDNISOLON u.a.; s. Kasten). Die klinische Relevanz der Hinweise auf weniger Osteoporose-fördernde und geringer diabetogene Eigenschaften der Neuerung ist nicht hinreichend belegt.


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