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ANTIEPILEPTIKUM FELBAMAT (TALOXA)

Etwa 5% der Kinder mit Epilepsie leiden am LENNOX-GASTAUT-Syndrom. Hohe Anfallsfrequenz mit verschiedenen Anfallstypen, darunter sog. Sturzanfälle,1 häufiger Status epilepticus und geistige Behinderung kennzeichnen die schwere Enzephalopathie, die sich meist im Vorschulalter manifestiert.2 Die üblichen Antiepileptika helfen oft wenig.2 Seit August steht das chemisch vom Tranquilizer Meprobamat (VISANO u.a.) abgeleitete Felbamat (TALOXA) in Deutschland zur ergänzenden Therapie des Syndroms zur Verfügung.3

KLINISCHER NUTZEN: Felbamat ist das erste Medikament für Anfallskranke, das in einer kontrollierten doppelblinden Studie4 bei LENNOX- GASTAUT-Syndrom günstig bewertet wird.5 Die Häufigkeit atonischer Anfälle, gezählt von Eltern und Betreuern der insgesamt 73 teilnehmenden Patienten, sinkt unter Felbamat um 34% von durchschnittlich 370 im Monat vor Therapiebeginn, in der Plazebogruppe nur um 9% von eingangs 228 Attacken. Die Gesamtzahl aller Anfälle geht unter Verum um 19% zurück von ursprünglich 1617, unter Scheinmedikament steigt sie bei einer Ausgangszahl von 716 um 4%.4 Bei über 50% der Felbamat-Anwender sinkt die Gesamtzahl der Anfälle wie auch die Häufigkeit der Sturzanfälle um mehr als die Hälfte.1 Studienmängel, wie ungleiche Verteilung der Anfallshäufigkeit vor Therapiebeginn,6 erschweren die Beurteilung. In einer unkontrollierten Nachfolgestudie hält der Nutzen von Felbamat über 12 Monate an, auch bei den ursprünglich der Plazebogruppe zugeteilten Patienten.1

STÖRWIRKUNGEN: Ein Jahr nach der Markteinführung in den USA 1993 wurden zum Teil tödlich verlaufende aplastische Anämien bekannt.7 Dies führte in Deutschland zum Abbruch aller klinischen Studien mit Felbamat. Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA schätzt das Risiko auf 1:2.000.7 Es läge damit 20mal höher als nach Anwendung von Chloramphenicol (PARAXIN u.a.). Akutes Leberversagen 2 bis 36 Wochen nach Behandlungsbeginn verlief bei vier von zehn Personen tödlich, einer der Überlebenden erhielt ein Lebertransplantat.7 Blutbild und Leberwerte (Transaminasen und Bilirubin) sind vor Beginn der Felbamatbehandlung und anschließend zweiwöchentlich3 – besser wöchentlich8 – zu kontrollieren.3 Noch Monate nach Absetzen kann sich eine aplastische Anämie entwickeln.3 Bis heute sind dem Hersteller weltweit 14 akute Leberversagen und 33 aplastische Anämien bekannt geworden.9

Nach Häufigkeit dominieren vor allem ZNS- und Magen-Darm-Beschwerden: Knapp die Hälfte der Studienteilnehmer mit LENNOX-GASTAUT-Syndrom leidet unter abnormer Schläfrigkeit, etwa ebenso viele unter Appetitlosigkeit, mehr als ein Drittel unter Erbrechen.3,8 Häufig ist zudem mit gestörter Bewegungskoordination, Ataxie, Denkstörungen, Miosis, Schluckauf, Atemwegsinfektion, Purpura und Leukopenie zu rechnen,8 selten mit STEVENS-JOHNSON-Syndrom.10 Blutungen, Schwäche, Appetitlosigkeit und Erbrechen deuten möglicherweise auf eine sich anbahnende Blut- bzw. Leberschädigung hin. Lichtsensibilisierung kann Schutzmaßnahmen erfordern (a-t 7 [1995], 70).8

Felbamat beeinflußt die Blutspiegel anderer Antiepileptika. Bestehende Dosierungen von Phenytoin (PHENHYDAN u.a.), Valproinsäure (ORFIRIL u.a.) und Carbamazepin (TEGRETAL u.a.) sind daher bei Beginn der Einnahme von Felbamat um 20% bis 30% zu senken, bei Aufdosierung der Neuerung entsprechend den Plasmaspiegeln und der Klinik anzupassen.3

DOSIS UND KOSTEN: Von anfangs täglich 7,5 bis 15 mg/kg Körpergewicht bzw. 600 bis 1200 mg wird in mindestens wöchentlichen Abständen aufdosiert, bis maximal 45 mg/kg KG bzw. 3600 mg pro Tag, verteilt auf drei bis vier Einzeldosen.3 Felbamat kostet das 8- bis 30fache der Standardantiepileptika (vgl. Kasten).

FAZIT: Das Zusatzantiepileptikum Felbamat (TALOXA) senkt die Anfallshäufigkeit beim sonst schwer zu behandelnden LENNOX-GASTAUT-Syndrom. Es darf nur angewendet werden, wenn alle anderen verfügbaren Antiepileptika nicht ausreichend wirken. Das Risiko lebensbedrohlicher Blut- und Leberschäden erfordert die besonders engmaschige Überwachung.


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