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Korrespondenz

ALKOHOLISMUS: MEDIZINTOURISMUS NACH POLEN
FÜR DISULFIRAM-IMPLANTATE

Eine Krefelder Firma wirbt in der Laienpresse für ein "unkompliziertes Implantat" bei Alkoholproblemen. Betroffene können sich für 2.500 DM mit dem Bus nach Polen bringen lassen, wo ein Chirurg übers Wochenende Disulfiram (ESPERAL) implantiert. Auch eine Schweizer Firma soll ein entsprechendes Produkt vertreiben. Was ist davon zu halten?

Dr. med. DOMINICUS (Arzt f. Psychiatrie, Fachkrh. für Suchtkranke)
D-45479 Mülheim a. d. Ruhr

Das Aversivum Disulfiram (ANTABUS) dient seit Jahrzehnten als Hilfsmittel zur Alkoholentwöhnung nach Entzug. Im Unterschied zum kürzlich zugelassenen Acamprosat (CAMPRAL, a-t 11 [1995], 110), das Alkoholverlangen (Craving) dämpfen soll, blockiert es den Ethanolabbau. Nach Alkoholgenuß steigende Azetaldehydspiegel rufen Unverträglichkeit mit Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Flush, Tachykardie, Blutdruckabfall und Schwindel hervor, die Entwöhnungswillige vom Trinken abhalten soll. Auch lebensbedrohliche Reaktionen (Schock, Hemiplegie u.a.) und Todesfälle infolge Herzinfarkt, Hirnblutung und Lungenödem kommen vor.1

Der Nutzen des Mittels ist umstritten.2 In einer kontrollierten Studie mit 605 Teilnehmern unterscheiden sich Disulfiram per os und Scheinmedikament hinsichtlich Abstinenzraten und -dauer nicht.3 Teilweise tödlich verlaufende Hepatitiden sowie Enzephalopathien, periphere Neuropathien und Sehnerventzündungen sind bekannte Störwirkungen unabhängig von den Aversiveffekten.1

Da der Patient die Einnahme jederzeit unterbrechen kann, lag die Entwicklung von Disulfiram-Implantaten nahe. Dabei werden dem Abhängigen 8 bis 12 Disulfiram-Implantationstabletten zu 100 mg (früher ESPERAL [Frankreich]) zumeist unter die Bauchhaut eingepflanzt. Die Wirkung dieser Dosis, die bei Einnahme per os höchstens eine Woche ausreichen würde, soll mehrere Monate vorhalten.4 Nach Alkoholgenuß liegen die Azetaldehydspiegel kaum höher als unter Plazebo und reichen nicht aus, um die erwünschte Unverträglichkeitsreaktion hervorzurufen.5 Wie von Schwedens Arzneibehörde bereits 1980 vermutet (a-t 11 [1980], 93), kommt allenfalls der Suggestivwirkung des Verfahrens Bedeutung zu.5 Deutsche Experten haben die "sinnlose, nicht ungefährliche" Prozedur vor etwa 15 Jahren aufgegeben.6

Die Implantate verursachen häufig örtliche Komplikationen wie Wundinfektion, Abszeß und Abstoßungsreaktionen. Auch schwere allergische Reaktionen und Periarteriitis nodosa kommen vor.1 Versuche mit höheren Implantatdosen scheitern an besonders häufigen und schweren Vereiterungen.5

Die Schweizer Firma Streuli vertreibt Disulfiram-Implantationstabletten als Lohnhersteller. 12 Tabletten zu 100 mg kosten etwa 29 Franken (ca. 36 DM). Das Wochenende in Polen im Luxushotel und mit sonntäglichem Besuch beim Chirurgen läßt ein therapeutisches Gesamtkonzept vermissen.

FAZIT: Ein Nutzen der in Deutschland nicht zugelassenen Disulfiram-Implantate ist nicht belegt. In Schweden wird dieses Konzept der Behandlung Alkoholkranker seit den achtziger Jahren wegen mangelnder Wirksamkeit und häufiger Wundkomplikationen nicht mehr verfolgt.


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