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Korrespondenz

FRUCHTBAR DURCH CARNITIN (BIOCARN U.A.)?

Europäische Studien sollen gezeigt haben, dass die Aufnahme von L-Carnitin oder seines Metaboliten Azetylcarnitin über drei bis sechs Monate die Spermaqualität subfertiler Männer zu verbessern vermag. Die Trinkmischung soll sündhaft teuer sein. Wie schätzen Sie das Mittel ein?

A. GIEBEL (Facharzt für Gynäkologie)
D-31789 Hameln

L-Carnitin (BIOCARN u.a.) dient dem transmembranösen Transport von Fettsäuren in die Mitochondrien. Der Mensch kann die aus den Aminosäuren Lysin und Methionin gebildete quaternäre Ammoniumverbindung selbst ausreichend bilden und nimmt zudem über tierische Nahrungsmittel wie Fleisch (z.B. 60 mg Carnitin in 100 g Rindfleisch) oder Milchprodukte genügend Carnitin auf (a-t 6 [1993], 60). Das Mittel ist hierzulande nur für seltene Carnitin-Mangelzustände zugelassen, z.B. im Rahmen längerfristiger totaler parenteraler Ernährung.

Carnitin wird zunehmend als "Allheilmittel" mit angeblich positiven Effekten auf Herz und Kreislauf, zentrale und periphere neurologische Erkrankungen, Übergewicht und Leistungsschwäche propagiert. Leistungssportlern und Bodybuildern soll es zu Muskelaufbau und Leistungssteigerung verhelfen ("turns fat into energy"1).

Die meisten Untersuchungen zum Einfluss von Carnitin auf die Spermaqualitität stammen aus Italien, wo der Wirkstoff weite Verbreitung findet (a-t 4 [1995], 34). Herabgesetzte Beweglichkeit der Spermien (Asthenozoospermie) soll sich unter Einnahme von Carnitin verbessern. Allerdings liegen lediglich nicht verblindete Verlaufsbeobachtungen bei infertilen Männern vor.2 Die klinische Relevanz solcher Laborbefunde, insbesondere hinsichtlich der Fähigkeit, ein Kind zu zeugen, ist nicht untersucht.

Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Durchfall, verstärkter Körpergeruch und erhöhte Krampfneigung kommen unter der Einnahme vor.3,4 Wir sehen keine rationale Begründung für den Gebrauch des teuren Mittels (über 12 DM für täglich 3 g BIOCARN) außerhalb der zugelassenen Indikation, -Red.

1

Carnitin-Werbung: Scrip 2417 (1999), 7

2

COSTA, M. et al.: Andrologia 26 (1994), 155

3

AkdÄ: Dt. Ärzteblatt 96 (1999), C-711

4

Rev. Prescr. 17 (1997), 401


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