a-t 2002; 33: 71-2

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SICKNESS SELLS
... Pharmamarketing setzt auf
veränderte Wahrnehmung von Krankheit

In diesen Wochen fährt eine "mobile Osteoporose-Forschungsstation" durch 20 deutsche Städte und lädt Frauen ab 60 Jahren zur "eingehenden Vorsorge-Untersuchung" ein. Im Rahmen dieser Untersuchung soll neben "einfachen neuromuskulären Tests" und Fragen zur Krankengeschichte die Knochendichte gemessen werden. Initiiert wird die "Vorsorge-Studie" von der Patientenorganisation Kuratorium Knochengesundheit e.V. und dem Zentrum für Muskel- und Knochenforschung, Berlin, Schirmherrschaft: Gudrun SCHAICH-WALCH, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium. 14 Pharma- und Medizinprodukte-Hersteller und eine Stiftung sponsern das Unternehmen.1,2 In der zugehörigen Presseerklärung ist von der Volkskrankheit Osteoporose die Rede, an der über fünf Millionen Menschen leiden sollen und für deren Früherkennung sich die Initiative stark macht: "Im frühen Stadium könnte man den Knochenschwund sogar heilen; und die Kosten für eine frühzeitige Therapie sind vergleichsweise gering."2

Die Firma Pfizer lässt seit Mai einen Truck durch Deutschland touren und lädt Männer zu kostenlosen Cholesterin-, Blutzucker- und Blutdruckuntersuchungen ein. Der Body-Mass-Index wird errechnet. Anhand eines Fragebogens werden Risikofaktoren abgefragt.3

Für solche von Warenanbietern veranstalteten Vorsorge- und Aufklärungskampagnen ("Disease awareness") wurde im Englischen der Begriff Disease mongering ("Handeln mit Krankheiten") geprägt.4 Über ihren Zweck darf man sich nicht täuschen: Ungeachtet der lauteren Motive einzelner Beteiligter sind sie Bestandteil des Pharmamarketings. Sie erweitern die Grenzen dessen, was im öffentlichen Bewusstsein als behandlungsbedürftige und behandelbare Krankheit wahrgenommen wird, um den Markt für pharmazeutische Produkte zu vergrößern.4 Zu den Mechanismen dieses "Disease mongering"gehören:

 Normale Lebensprozesse werden zum medizinischen Problem erklärt (Beispiel: Glatze bei Männern).

 Milde Symptome eines gutartigen Leidens werden zu Vorboten einer schweren Erkrankung (Beispiel: Reizdarmsyndrom),

 Risikofaktoren zu behandlungspflichtigen Krankheiten umgedeutet (Beispiel: Knochendichte, Cholesterinwert).

 Krankheitshäufigkeiten werden überzeichnet (Beispiel: Erektionsstörungen).4

Träger der Kampagnen sind typischerweise Allianzen aus Industrie und von der Industrie finanzierten oder instrumentalisierten medizinischen Meinungsbildnern und Patientenorganisationen sowie Medien. Eine britisch-australische Arbeitsgruppe zitiert aus dem vertraulichen Entwurf eines dreijährigen Schulungsprogramms, mit dessen Hilfe ein neues Bild vom Reizdarmsyndrom kreiert werden soll. Das Schulungsprogramm ist Teil der Marketingstrategie für den Serotonin-Rezeptorantagonisten Alosetron (USA: LOTRONEX) von GlaxoSmithKline in Australien. Der durchgesickerte Plan gibt einen seltenen Einblick in die sonst abgeschottete Welt der Marketingstrategien. Das Programm soll das Reizdarmsyndrom in der Vorstellung von Ärzten als ein bedeutendes eigenständiges Krankheitsbild etablieren und Patienten davon überzeugen, dass das Reizkolon eine häufige und anerkannte medizinische Erkrankung ist. Aufgabe eines Beratergremiums aus Meinungsbildnern ist es, die Firma über die gegenwärtige gastroenterologische Einschätzung des Syndroms zu informieren und Möglichkeiten zu eruieren, wie diese Vorstellung beeinflusst werden kann.4

Marktvorbereitungen für Alosetron und das Novartis-Pendant Tegaserod in Form ärztlicher Fortbildung und Befragung u.a. hat es auch in Europa gegeben (a-t 2000; 31: 82). GlaxoSmithKline unterhält nach wie vor eine Internetseite zum Reizdarmsyndrom.5 Ein im Patiententeil vorgesehener Link führt zur Internetpräsenz amerikanischer Selbsthilfegruppen, auf deren Startseite Hersteller- und Medienbeiträge zusammengestellt sind, die für die beiden Mittel werben und sich für ihre Einführung bzw. Wiedereinführung einsetzen ("Patients demand LOTRONEX").6 Die FDA hatte die Alosetron-Zulassung 2000 wegen lebensbedrohlicher Kolitis und Ileus widerrufen. Seit Juni 2002 darf es in den USA für eine eingeschränkte Indikation wieder in den Handel gebracht werden.7

Von der Industrie veranstaltete Disease-awareness-Kampagnen sind bislang noch wenig im Blick einer kritischen Öffentlichkeit. Über die Folgen einer kommerziell motivierten Ausweitung des Krankheitsbegriffs für den öffentlichen Diskurs über gesund und krank ist wenig bekannt, ganz abgesehen von den Auswirkungen der Etikettierung Gesunder als krank für die Betroffenen, den Risiken der medikamentösen Behandlung Gesunder und den Folgen der Umverteilung finanzieller Ressourcen von Kranken auf Gesunde für die öffentliche Gesundheitsversorgung.

Wie sich etwa unter dem Einfluss von Pharmaherstellern und Produzenten der Densitometrie-Technologie die öffentliche Wahrnehmung und wissenschaftliche Definition der Osteoporose in den vergangenen 30 Jahren gewandelt hat, dürfte nicht systematisch untersucht sein. Eine große Industrie-gestützte Disease-awareness-Kampagne zur Osteoporose gab es in den USA bereits Anfang der 80er Jahre, gesponsert von Ayerst, dem Hersteller des Östrogen-Präparates PREMARIN (hierzulande PRESOMEN u.a.).8 15 Jahre später ist PREMARIN das meistverordnete rezeptpflichtige Arzneimittel in den USA.8 Rorer, Sandoz und SmithKlineBeecham sponserten Anfang der 90er Jahre eine Konferenz der WHO-Studiengruppe, auf der die heute weithin geltenden diagnostischen Kriterien der postmenopausalen Osteoporose festgelegt wurden.8 Frakturen, die das Leiden von Osteoporosepatientinnen ausmachen, sind nach dieser Definition für die Diagnose nicht erforderlich. Bereits eine Knochendichte von weniger als zweieinhalb Standardabweichungen derjenigen junger Frauen gilt als Osteoporose.9 Die wissenschaftliche Basis für diese Definition ist jedoch fragwürdig: Der Vorhersagewert der Knochendichte für Frakturen bei Menschen ohne vorbestehende Knochenbrüche ist gering, ein klinischer Nutzen der medikamentösen Frühtherapie allein auf Grund altersbedingter niedriger Knochendichte zudem nicht belegt.10 Für die Industrie könnte sich eine Osteoporose-awareness-Kampagne aber lohnen: Die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen, deren Knochendichte gemessen wird, eine medikamentöse Therapie beginnen, ist hoch. Nach einer US-amerikanischen Studie werden 50% der über 45-jährigen Frauen, bei denen die Osteodensitometrie eine Osteoporose nach WHO-Definition anzeigt, innerhalb eines halben Jahres nach der Messung mit Sexualhormonen, Bisphosphonaten, Calcitonin (KARIL u.a.) oder Raloxifen (EVISTA) behandelt.11

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