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Therapiekritik

NEUES ZU ACAMPROSAT (CAMPRAL)?

Die Firma Lipha erwartet, dass das Alkoholentwöhnungsmittel Acamprosat (CAMPRAL) noch in diesem Jahr auch in den USA zugelassen wird. Im Mai 2002 hat sich das Beraterkomitee der Arzneimittelbehörde FDA mehrheitlich dafür ausgesprochen, die Ergebnisse älterer europäischer Studien für einen Wirksamkeitsnachweis als ausreichend gelten zu lassen. Vor dem Hintergrund neuer Daten erstaunt das Votum jedoch. Mehrere kontrollierte Studien haben kürzlich einen Nutzen des Mittels verneint, darunter eine eigens für die FDA durchgeführte US-amerikanische Studie.1,2

Bei unserer letzten Beurteilung des Mittels (a-t 2000; 31: 13) gingen wir von einem marginalen Nutzen aus. Nur jedem zwölften bis maximal sechsten Patienten schien Acamprosat eine Hilfe für kontinuierliche Abstinenz über ein Jahr nach akuter Entzugsbehandlung zu sein. Für die mittlere Zeit der Abstinenz, Tage ohne Alkohol oder den Gesamtkonsum war die Datenlage widersprüchlicher. Hohe Abbruchraten zwischen 50% und 80% waren aufgefallen.

Seither sind vier weitere plazebokontrollierte Studien über sechs Monate veröffentlicht worden. Gemeinsam sind ihnen wiederum hohe Abbruchraten zwischen 25% und 65%, meist wegen Rückfall, Non-Compliance oder Störwirkungen. In zwei Studien mit 330 bzw. 246 Patienten nach akuter Entzugsbehandlung nimmt die kontinuierliche Abstinenzrate von 33% auf 48% (Number Needed to Treat [NNT] = 7)3 bzw. von 21% auf 41% (NNT = 5) zu.4 Die Zahl der Tage mit Abstinenz während der sechs Monate steigt von 89 auf 1101 bzw. von 70 auf 992. Schon drei Monate nach Ende der Behandlung mit Acamprosat ist jedoch ein Nutzen nicht mehr nachweisbar, die Rate der Patienten ohne Rückfall unterscheidet sich nicht mehr von Plazebo.3,4

Eine spanische Studie5 mit 296 Patienten und eine britische6 mit 581 Patienten lassen nicht einmal eine signifikante Zunahme der Rate kontinuierlicher Abstinenz über sechs Monate (26% vs. 35%5 bzw. 11% vs. 12%6) erkennen. Während in der spanischen Studie Acamprosat die Summe der Tage ohne Alkoholkonsum geringfügig zunimmt (74 vs. 93),5 findet sich in der britischen keinerlei Einfluss (81 vs. 77 Tage).6 Sie ist eine der vier größten kontrollierten Studien mit Acamprosat und zudem bisher die einzige, die den Alkoholkonsum der Patienten täglich mit einem Fragebogen erfasst. In allen anderen - auch den älteren - wird der Alkoholkonsum bei den Kontrollvisiten rückwirkend erfragt, muss also von den Patienten erinnert werden. Auch sonstige methodische Qualitätsmerkmale (Endpunktdefinition, Fallzahlkalkulation, Kontrolluntersuchungen) werden von der britischen Studie besser erfüllt als von den übrigen. Auffällig ist nur, dass die Ergebnisse erst mehr als fünf Jahre (!) nach Abschluss der Studie publiziert wurden, offenbar auch wegen kontroverser Interpretation der Daten innerhalb der Autorengruppe (Vertreter des Herstellers, Leiter von Universitätskliniken).

Noch nicht veröffentlicht, bei der FDA jedoch bereits eingereicht sind die Ergebnisse einer US-amerikanischen Doppelblind-Studie mit 518 Patienten über sechs Monate. Ihr eigentliches Ziel war, die Wirksamkeit und Sicherheit einer speziellen Dosierung von Acamprosat für die US-amerikanische Zulassung (2 x 2 Tabletten zu 500 mg statt 3 x 2 Tabletten zu 333 mg pro Tag) lediglich nochmals zu bestätigen.1 Zur großen Überraschung fallen die Ergebnisse aber zu Ungunsten von Acamprosat aus: Unter Plazebo bleiben die Patienten durchschnittlich 84 Tage abstinent, unter Acamprosat nur 73. Die Rate kontinuierlicher Abstinenz liegt im Untersuchungszeitraum unter Plazebo bei 11% und unter Acamprosat bei 8%.2 Durch Subgruppen-Auswertungen und Kovarianz-Analysen errechnen die Autoren zwar noch einzelne signifikante Befunde. Überzeugen können diese aber nicht. Als Grund für das negative Ergebnis wird diskutiert, dass mehr als 80% der Patienten weitere Drogen wie Marihuana oder Kokain verwendeten (Europa: 20%) und eine Entzugsbehandlung anders als in europäischen Studien keine Eingangsvoraussetzung war.

 Die Datenlage für das Alkoholentwöhnungsmittel Acamprosat (CAMPRAL) war bislang dürftig und wird durch fünf neue Studien keineswegs günstiger. In drei dieser Studien ergibt sich kein Vorteil von Acamprosat gegenüber Plazebo.

 Voraussetzungen für den allenfalls marginalen Nutzen sind offenbar eine erfolgreiche Entzugstherapie und hohe Motivation bei Therapiebeginn. Zwingend vorgeschrieben sind psychosoziale Begleittherapien.

 Zur Erzielung langfristiger Abstinenzen erachten wir Acamprosat nicht als relevante Hilfe.

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