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blitz-a-t
mehr schaden als nutzen: östrogen/gestagen-arm der whi-studie gestoppt
 
MEHR SCHADEN ALS NUTZEN:
ÖSTROGEN/GESTAGEN-ARM DER WHI*-STUDIE GESTOPPT


Wegen häufigerer Brustkrebserkrankungen und insgesamt negativer Nutzen-Schaden-Bilanz wird jetzt der Östrogen/Gestagen-Arm der großen WHI*-Studie nach durchschnittlich 5,2 Jahren vorzeitig gestoppt. 16.608 gesunde Frauen zwischen 50 und 79 Jahren nahmen in diesem Teil der Studie, der ursprünglich auf 8,5 Jahre angelegt war, täglich 0,625 mg konjugierte Östrogene (PRESOMEN u.a.) plus 2,5 mg Medroxyprogesteronazetat (CLINOFEM u.a.; Kombination in CLIMOPAX u.a.) oder Plazebo ein. Bereits 2000 und 2001 war in Zwischenanalysen ähnlich wie in der Sekundärpräventionsstudie HERS** (blitz-a-t vom 5. Juli 2002) ein Anstieg von kardialen Komplikationen, Schlaganfällen und Thrombosen unter der Hormonkombination aufgefallen (a-t 2000; 31: 47 und 2001; 32: 83-4). In der Zwischenauswertung vom 31. Mai 2002 wird erstmals deutlich, dass die Zahl der Erkrankungen an invasivem Brustkrebs in der Verumgruppe im Vergleich zur Plazebogruppe die vorher festgelegte Sicherheitsgrenze überschreitet. Dieser Befund, der den langjährigen Verdacht aus Beobachtungsstudien bestätigt (a-t 1997; Nr. 11: 118 und 2000; 31: 30-1), sowie die Gesamtrate der Schädigungen durch die Hormone, die den Nutzen überwiegen, geben den Ausschlag für den Studienstopp. Der Studienarm mit Östrogenmonotherapie bei Frauen, deren Gebärmutter entfernt wurde, wird derzeit noch fortgesetzt.

Nach Vorabinformationen findet sich unter Östrogen/Gestagen-Kombination eine Zunahme des relativen Risikos

von Schlaganfällen um 41%,

von koronarer Herzkrankheit um 29%,

von venösen Thromboembolien um 100%,

von kardiovaskulären Erkrankungen insgesamt um 22% und

von invasivem Brustkrebs um 26%.

Dem steht eine Reduktion des relativen Risikos

von Hüftfrakturen um ein Drittel,

von Frakturen insgesamt um 24% und

von kolorektalem Karzinom um 37%

gegenüber. Die Gesamtmortalität unterscheidet sich nicht (1).

Das Nutzen-Schaden-Profil ist nicht vereinbar mit den Anforderungen an eine medikamentöse Primärprävention chronischer Erkrankungen, so das Fazit der Studienleiter. Hormoneinnahme bis zu 5,2 Jahren bringt insgesamt keinen Nutzen, aber ein frühzeitig erhöhtes koronares Risiko, ein anhaltend erhöhtes Risiko von Schlaganfall und Thromboembolie sowie ein mit der Anwendungsdauer zunehmendes Brustkrebsrisiko (2). Pro Jahr erkranken von 10.000 gesunden Frauen, die die Hormonkombination einnehmen, gegenüber einer gleich großen Gruppe ohne Hormone 8 Frauen zusätzlich an invasivem Brustkrebs, 7 zusätzlich an koronarer Herzkrankheit, 8 zusätzlich an einem Schlaganfall und 18 zusätzlich an einer Thromboembolie (1).

FAZIT: Die Einnahme von Östrogen plus Gestagen über 5 Jahre steigert bei gesunden Frauen nach den Wechseljahren das Brustkrebs- sowie das Herzinfarkt-, Schlaganfall- und Thromboembolierisiko. Das Schädigungspotenzial überwiegt den potenziellen Nutzen hinsichtlich osteoporotischer Frakturen oder kolorektalem Karzinom. Die Ergebnisse des jetzt gestoppten Arms der WHI-Studie bestätigen unsere Einschätzung, dass es keine Indikation gibt für die präventive Anwendung von Hormonen bei gesunden Frauen. Auf die Nutzen-Risiko-Bilanz der Kurzzeittherapie von Wechseljahresbeschwerden war die jetzt gestoppte Studie zwar nicht angelegt. Die Ergebnisse sind aber unseres Erachtens auch für diese Indikation von Bedeutung, die einer sorgfältigen, strengen Wertung bedarf. Frauen, die diese Behandlung wünschen, müssen über die potenziellen Risiken eingehend aufgeklärt sein.


1

National Heart, Lung and Blood Institute (USA): NHLBI Stops Trial of Estrogen Plus Progestin Due to Increased Breast Cancer Risk, Lack of Overall Benefit

2

JAMA: Health Risks Outweigh Benefits for Combined Estrogen plus Progestin

 

*

WHI = Women's Health Initiative

**

HERS = Heart and Estrogen/Progestin Replacement Study



© Redaktion arznei-telegramm
blitz-a-t 10. Juli 2002

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