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Postoperative Blutungen unter Ginkgo biloba (TEBONIN u.a.): Nachdem bei einer 61-jährigen Patientin mit acht Jahre zurückliegendem Mammakarzinom der linke obere Lungenlappen wegen eines Rundherds entfernt wird, tritt noch am Operationstag eine Blutung auf, die eine operative Revision erforderlich macht. Als Ursache wird das Reißen alter Verwachsungen mit Beschädigung einer vom Operationsgebiet entfernt liegenden 1,5 mm durchmessenden Vene angenommen. Nach einem halben Tag fällt das Hämoglobin jedoch erneut ab (bis 5,1 g/dl). Erst nach insgesamt 20 Erythrozyten- und 4 Thrombozyten-Konzentraten bessert sich der Zustand der Frau. Der österreichische Melder hält einen Zusammenhang mit dem regelmäßig, zuletzt am Abend vor der Operation eingenommenen Ginkgo-Extrakt (TEBOFORTAN) für möglich (NETZWERK-Bericht 13.220). Dieser Bericht erinnert an die mögliche Auslösung schwerer spontaner, z.B. intrazerebraler Blutungen durch das pflanzliche "Antidementivum" (vgl. a-t 1998; Nr. 10: 94 und 2000; 31: 87-8). Auch postoperative Blutungen in Verbindung mit Ginkgo sind beschrieben: Ein 59-Jähriger entwickelt nach Lebertransplantation ein subphrenisches Hämatom. Bei erneuter Laparotomie wird keine Blutungsquelle gefunden. Prothrombin- und PTT-Werte sind normal. Erst nach einer spontanen Glaskörpereinblutung drei Wochen später erfahren die behandelnden Ärzte, dass der Patient sowohl prä- als auch postoperativ ein Ginkgo-Präparat eingenommen hat. Nach Absetzen treten keine weiteren Blutungen auf (HAUSER, D. et al.: Transpl. Int. 2002; 15: 377-9). Zwei Tage nach laparoskopischer Entfernung der Gallenblase kommt es bei einem 34-Jährigen zu Blutung und Hb-Abfall auf 5,4 g/dl. Die Ginkgo-Verwendung hatte der Patient erst nach dem Eingriff auf erneute Nachfragen erwähnt (FESSENDEN, J.M. et al.: Amer. Surgeon 2001; 67: 33-5). Ginkgo-Extrakte enthalten einen Hemmstoff des Plättchen-aktivierenden Faktors (PAF). Auch Thrombozytopenien sind unter der Einnahme beschrieben (MADRAC, WHO-Datenbank http://www4.jaring.my/ madrac/interesting.htm#GINGKO*). Vor Blutungen und Interaktionen des Pflanzenextraktes mit Azetylsalizylsäure (ASPIRIN u.a.), beides häufig von älteren Patienten verwendete Mittel, oder mit Antikoagulanzien warnt die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (Dt. Ärztebl. 2002; 99: C-1770). Die Einnahme pflanzlicher Medikamente muss vor Operationen gezielt erfragt werden, da sie von der Mehrzahl der Patienten bei der routinemäßigen Befragung nicht angegeben wird (KAYE, A.D. et al.: J. Clin. Anesth. 2000; 12: 468-71). Bei einer Halbwertszeit der in Ginkgo enthaltenen Terpenoide zwischen drei und zehn Stunden wird empfohlen, den Pflanzenextrakt spätestens 36 Stunden vor einem operativen Eingriff abzusetzen (a-t 2001; 32: 82; ANG-LEE, M.K. et al.: JAMA 2001; 286: 208-16).

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