a-t 2007; 38: 55-6

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BALD AUCH IN DER EU? LAIENWERBUNG FÜR REZEPTPFLICHTIGE ARZNEIMITTEL

Eine Pilot-DVD gibt es bereits: Die Großkonzerne Johnson & Johnson, Novartis, Pfizer und Procter & Gamble proben den Einstieg in die Werbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel beim Verbraucher. Geplant ist ein von der Industrie finanziertes Pharma-TV mit Gesundheitsnachrichten und detaillierten "Informationen" der Pharmahersteller über ihre Medikamente.1

"Information" ist das Zauberwort, das das bislang geltende Werbeverbot für verschreibungspflichtige Arzneimittel beim Verbraucher aushebeln soll. Der Vizepräsident der Europäischen Kommission, Günter VERHEUGEN, verantwortlich für den Unternehmensbereich, bereitet das Terrain für "ein neues System zur Information von Patienten"2. Das Vertrauen von Bürgern in Informationen durch die Industrie müsse gestärkt werden. Die bisherigen Informationen für Verbraucher seien "inakzeptabel".2 Die existierenden Einschränkungen für die Heilmittelwerbung sollen angeblich bestehen bleiben. Patienten und Verbraucher hätten aber ein "legitimes Recht, die verfügbaren Informationen zu Arzneimitteln und Behandlungen" zu erhalten.3 Schließlich habe die Pharmaindustrie die "Schlüsselinformationen", die das Informationsdefizit beim Verbraucher beseitigen könnten, sie müsse sich aber auf die Beipackzettel beschränken.4 Wir sehen eher die "Schlüsselfunktion" der Industrie, ungünstige Ergebnisse in den Firmentresoren wegzuschließen und dadurch den Kenntnisstand zu verfälschen (vgl. z.B. Memantin [EBIXA u.a.], Seite 59).

Noch sind die USA und Neuseeland die einzigen Industrienationen, in denen Werbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel bei medizinischen Laien (Direct-To-Consumer-Advertising, DTCA) erlaubt ist. Fernsehwerbung ist besonders dominant: Im Durchschnitt sehen Amerikaner pro Jahr 16 Stunden DTCA im Fernsehen. Dies ist weit mehr Zeit, als sie beim Arzt verbringen. Nach Auswertung von 103 systematisch erfassten Werbesendungen werden die Produkte überwiegend (58%) als medizinischer Durchbruch angepriesen.5 Das ist typisches Marketinglatein: Von den in den Werbespots beworbenen 24 Arzneimitteln bewerten wir im Arzneimittelkursbuch nur 8 (33%) als Mittel der Wahl oder der Reserve, 15 (63%) als Variante ohne besonderen Stellenwert oder umstrittenes Therapieprinzip. Tegaserod (a-t 2000; 31: 82), das zur Behandlung des Reizdarmsyndroms beworbene 24. Medikament, ist inzwischen wegen drastischer Steigerung kardiovaskulärer ischämischer Ereignisse gegenüber Plazebo nicht mehr im Handel.6Massive TV-Werbung dürfte dazu beigetragen haben, dass Tegaserod 2005 in den USA zu den 200 meistverordneten Arzneimitteln gehörte:7 Attraktive junge Frauen ziehen ihre Shirts hoch und enthüllen den Bauch. Dort steht der Slogan: "Ich fühle mich besser".8 Ist das die "Information", die Verbraucher benötigen?

Wer will den ohnehin nur theoretischen Unterschied zwischen firmengesponserter "Information" und "Werbung" kontrollieren? In den USA prüft die FDA zumindest stichprobenartig Firmenwerbung, besteht auf Korrektur und verhängt ggf. empfindliche Geldbußen. Wahrscheinlich um strengere legislative Maßnahmen zu verhindern, bieten US-Firmen jetzt an, alle neuen Werbespots vor dem Senden der FDA zukommen zu lassen.9 Hierzulande bleiben zuständige Landesbehörden aber selbst dann untätig, wenn Firmen eindeutig gegen das Heilmittelwerbegesetz verstoßen (vgl. a-t 1999; Nr. 6: 59-60, 2001; 32: 116-7 und 2004; 35: 91-2).

Während in Europa Firmen und Behörden als Information verschleierte Direktwerbung etablieren wollen, erwägt die Regierung in Neuseeland, diese wieder abzuschaffen.10 In den USA gibt es Gesetzesinitiativen, DTCA einzuschränken, sie beispielsweise in den ersten zwei oder drei Jahren nach Markteinführung eines Arzneimittels generell zu verbieten.8,9 Dadurch sollen Ärzte genügend Zeit haben, sich über Neuerungen zu informieren und Erfahrungen zu sammeln. VERHEUGEN hingegen will die Folgen des Werbedrucks auf die Fachkreise abwälzen. Ärzte sollen sich auf angeblich "besser und umfassender informierte Patienten einstellen ... - etwa auch dann, wenn es um Innovationen geht."11 Die Folgen sind absehbar: Die Arbeitsbelastung der Ärzte wird steigen, weil sie desinformierende Laienwerbung kommentieren und korrigieren müssen. Meiden hingegen die Ärzte solche Diskussionen und verordnen die beworbenen Produkte, verteuert dies oft die Therapie. Gleichzeitig verschlechtert sich die Therapiesicherheit, wenn auf bewährte Arzneimittel verzichtet wird.

Werbung beim Verbraucher für rezeptpflichtige Arzneimittel verschiebt das Gleichgewicht zwischen kommerziell gesteuerten und nicht kommerziellen Informationsquellen weiter in Richtung interessengesteuerter (Des-) Information. Lassen wir uns von Pfizer, VERHEUGEN und Co nicht ein X für ein U vormachen beziehungsweise nicht Werbung als "Information" verkaufen. Wer glaubt im Ernst, dass Firmen Milliarden für so genannte Informationen ausgeben, wenn diese sich nicht rentieren würden, also das Geld durch Mehrabsatz der Produkte überproportional wieder hereinkäme?

 

1

BOSELEY, S.: The Guardian, 21. Mai 2007

 

2

VERHEUGEN, G.: Delivering better information, better access and better prices, Pharmaceutical Forum 29. Sept. 2006; zu finden über: http://europa.eu

 

3

VAN LIEROP, T.: Lancet 2007; 369: 1790

 

4

European Commission: Draft Report on Current Practice with Regard to Provision of Information to Patients on Medicinal Products, 19. Apr. 2007

 

5

FROSCH, D.L. et al.: Ann. Fam. Med. 2007; 5: 6-13

 

6

Novartis Pharma Schweiz AG: Pressemitteilung vom 30. Mai 2007

 

7

Worst Pills - Best Pills, Juni 2007: 47

 

8

SCHUCHMAN, M.: N. Engl. J. Med. 2007; 356: 2236-9

 

9

Scrip 2007; Nr. 3266: 15

 

10

MANSFIELD, P.R. et al.: BMJ 2005; 330: 5-6

 

11

VERHEUGEN, G. beim Transatlantischen Business Dialog in Berlin, zitiert nach Ärzte Ztg. vom 11. Mai 2007

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