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Korrespondenz

ZUM KOSTENASPEKT DER GERINNUNGSSELBSTKONTROLLE

Leider wurde in Ihrem Artikel (a-t 2011; 42: 20-1) auf den Kostenaspekt bei Selbstmessung der INR-Werte unter oraler Antikoagulation nicht eingegangen. Die Messung im Labor kostet ca. 60 Cent, die Beratung und Blutabnahme durch uns Hausärzte ist für die Krankenkasse „all inclusive”, das heißt kostenlos. Bei der Selbstmessung fallen für die Reagenzien 4,15 € pro Messung an, hinzu kommen der Preis des Messgerätes, ca. 500 €, und Kosten für die Schulung der Patienten in etwa der gleichen Höhe. Bei etwa 40 Messungen im Jahr stehen 24 €, bei einer angenommenen Betriebsdauer des Geräts von fünf Jahren, 266 € ohne Schulungskosten gegenüber. In Anbetracht der mehr als zehnfachen Kostensteigerung halte ich die Selbstmessung nur dann für gerechtfertigt, wenn der Patient auf Grund beruflicher Aktivitäten sehr häufig reist und daher die Organisation der regelmäßigen Gerinnungskontrollen sehr schwierig ist.

Dr. med. C. LÜCKE (Facharzt für Innere Medizin)
D-71717 Beilstein
Interessenkonflikt: keiner

Die Kostenerstattung für die Durchführung von Gerinnungsselbsttestungen muss bei den Gesetzlichen Krankenkassen beantragt werden, die in der Regel bei der Erstbeurteilung den Medizinischen Dienst hinzuziehen. Neben allgemeiner Aufklärung über Wirkweise, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen der Antikoagulanzien, über notwendige Dokumentationen im Patientenpass und richtiges Verhalten bei Komplikationen oder in speziellen Situationen, die allen mit Antikoagulanzien behandelten Patienten zukommen muss, müssen vor Überlassung von Gerinnungsmessgeräten weitere Voraussetzungen erfüllt sein. Hierzu zählen Notwendigkeit einer in der Regel lebenslangen Antikoagulation, persönliche Eignung des Patienten bzw. der Betreuungsperson, begleitende vertragsärztliche Betreuung, zwingende Notwendigkeit einer selbstständigen Anpassung der Medikation und vor allem die Teilnahme an einer intensiven Schulung zum Gebrauch des Gerätes und zum Umgang mit den Messwerten.1 Als medizinische Gründe für die Notwendigkeit des Selbstmanagements werden in der Regel schlechte Venenverhältnisse, stark schwankende INR-Werte, Komplikationen bei konventioneller Betreuung, Dauerantikoagulation bei Kindern und (berufliche, örtliche u.a.) Schwierigkeiten, die Arztpraxis regelmäßig aufzusuchen, anerkannt.2

Auf dem Markt ist das derzeit gängigste Blutgerinnungsmessgerät COAGUCHEK XS (Roche Diagnostics Deutschland) mit Zubehör als so genannte Systemtasche ab etwa 710 € erhältlich, 48 Teststreifen ab etwa 150 €. Von spezialisierten Kliniken oder Praxen werden Schulungen für die Gerinnungsselbsttestung ab 150 € angeboten. Bei einer angenommenen Betriebsdauer des Gerätes von fünf Jahren und einem zugestandenem Verbrauch von 100 Teststreifen pro Jahr1 beliefen sich die jährlichen Kosten der Selbsttestung auf knapp 500 €. Dagegen fallen bei konventioneller INR-Messung in der Praxis und angenommenen Laborkosten von 1 € pro Messung bis zu 50 € im Jahr an. Die direkten Kosten für die Kassen liegen somit bei der Selbsttestung auch nach unseren Berechnungen etwa zehnfach über denen für die konventionelle Betreuung – Mehrkosten, die sich im Budget der behandelnden Ärzte niederschlagen. Wir halten diese Mehrkosten in Ausnahmen dennoch für gerechtfertigt, wenn eine Selbsttestung vom Patienten ausdrücklich gewünscht wird, er diese aller Voraussicht nach sicher erlernen und er hinsichtlich seiner Lebensqualität profitieren wird. Im Falle von Wirtschaftlichkeitsprüfungen besteht für den Arzt die Möglichkeit, bei den Prüfgremien zu beantragen, dass die Mehrkosten durch die Gerinnungsselbsttestung als Praxisbesonderheit anerkannt werden.

Zur gesundheitsökonomischen Effizienz der Gerinnungsselbsttestung ist uns für deutsche Versorgungsverhältnisse nur eine ältere Publikation bekannt, die auf Basis einer Vergleichsstudie bei Herzklappenpatienten und unter Annahme einer Reduktion von Gefäßereignissen eine Kostenreduktion um 35% kalkuliert.3 Eine neuere kanadische Untersuchung findet unter Berücksichtigung von Aspekten der Lebensqualität ebenfalls eine Effizienz der Selbsttestung.4 Eine umfassende britische Analyse bewertet die Selbsttestung dagegen als nicht kosteneffizient.5 Allen Analysen zur ökonomischen Effizienz ist gemein, dass sie grundsätzlich von einem Nutzen der Selbsttestung ausgehen, also von einer Reduktion der Blutungskomplikationen und/oder thromboembolischen Ereignisse. Da die Datenlage hierzu widersprüchlich ist (a-t 2011; 42: 20), kann aus unserer Sicht die gesundheitsökonomische Effizienz nur mit Hilfe weiterer Studien geklärt werden, die auch die Besonderheiten des deutschen Gesundheitssystems berücksichtigen müssten.

1 http://www.gkv-spitzenverband.de/upload/Produktgruppe21_547.pdf
2 KVPraxis Kompakt der KV Rheinland-Pfalz 2008; Juni 2008 (Nr. 6): 10-1
3 TABORSKI, U. et al.: Semin. Thromb. Hemost. 1999; 25: 103-7
4 REGIER, D.A. et al.: Can. Med. Ass. J. 2006; 174: 1847-52
5 CONNOCK, M. et al.: Health Technol. Assess. 2007; 11: Nr. 38

© 2011 arznei-telegramm, publiziert am 6. Mai 2011

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