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Neu auf dem Markt

WIEDER IM HANDEL: MALATHION GEGEN KOPFLÄUSE

Seit Juli ist mit INFECTOPEDICUL MALATHION wieder ein Malathion-haltiges Mittel zur Behandlung von Kopf- und Filzläusen* bei Erwachsenen und Kindern ab zwei Monaten1 auf dem Markt. Es handelt sich dabei um ein 1%iges Shampoo. In den 1980er und 1990er Jahren wurde hierzulande unter dem Namen ORGANODERM eine 0,5%ige alkoholische Lösung angeboten, die jedoch nur geringe Akzeptanz fand, vermutlich wegen ihres schlechten Geruchs, der langen Einwirkzeit von bis zu zwölf Stunden und der Entflammbarkeit aufgrund des brennbaren Lösungsmittels. In Großbritannien und den USA gibt es diese Formulierung bis heute. Malathion muss – im Gegensatz zu allen anderen derzeit angebotenen Läusemitteln – vom Arzt verordnet werden.

Die Therapie von Kopfläusen hat sich in den vergangenen Jahren mit der Einführung verschiedener Medizinprodukte auf der Basis von Dimeticon (JACUTIN PEDICUL Fluid u.a.) oder Sojaöl (MOSQUITO Läuseshampoo) verändert. Im Gegensatz zu den neurotoxisch wirkenden Pyrethrinen und Pyrethroiden sollen diese die Atemöffnungen der Parasiten verstopfen, sodass die Tiere ersticken (a-t 2006; 37: 79-83). Unter den 2011 über öffentliche Apotheken verkauften Kopflausmitteln liegt das Dimeticon-haltige Pumpspray NYDA mit 460.000 Packungen an erster Stelle, deutlich vor dem Altarzneimittel GOLDGEIST FORTE (Pyrethrine + Piperonylbutoxid, 285.000 Packungen). Häufig umgesetzt werden auch die Medizinprodukte MOSQUITO Läuseshampoo (Sojaöl, 232.000 Packungen) und JACUTIN PEDICUL Fluid (Dimeticon, 191.000 Packungen) sowie das Permethrin-haltige INFECTOPEDICUL (193.000 Packungen). Die genannten Präparate sind alle vom Umweltbundesamt geprüft und auf der Entwesungsmittelliste gelistet.2 Sie werden von uns vorrangig empfohlen, da der Kenntnisstand aus klinischen Studien zu den hierzulande angebotenen Läusemitteln nach wie vor unbefriedigend ist (vgl. a-t 2008; 39: 125; blitz-a-t vom 8. Juli 2009).

EIGENSCHAFTEN: Malathion ist ein Organophosphat, das über seinen Metaboliten Malaoxon insektizid wirkt. Dieser bindet irreversibel an Azetylcholinesterase, die dadurch inaktiviert wird, sodass Azetylcholin im Nervensystem kumuliert. Befruchtete Nissen werden nicht direkt getötet. Nicht geschlüpfte Larven sollen jedoch so geschwächt werden, dass sie nicht schlüpfen können.1 Zudem soll Malathion einen Residualeffekt haben, also über mehrere Tage am Haar verbleiben1,3 und so Läuse abtöten, die durch erneuten Befall, unzureichend durchgeführte Behandlung oder Nachschlüpfen auf den Kopf gelangen.3 Dennoch ist – wie bei allen Läusemitteln empfohlen4 – eine Wiederholungsbehandlung durchzuführen, bei Malathion nach sieben Tagen.1 Resistenzen sind beschrieben.1

Resorbiertes Malathion wird von Menschen und anderen Säugetieren rasch abgebaut. Das für die Entgiftung entscheidende Enzym ist bei ihnen in größeren Mengen vorhanden als bei Insekten, aber auch als bei Fischen und anderen Wassertieren, die das Organophosphat nicht oder nur sehr langsam inaktivieren können.1

ANWENDUNG: 5 cm Shampoo (kurzes Haar, bei längerem Haar doppelte Menge) ins feuchte Kopfhaar einmassieren, 4 bis 5 Minuten einwirken lassen, mit lauwarmem Wasser ausspülen, Anwendung sofort auf die gleiche Weise wiederholen, ganze Prozedur nach 7 Tagen erneut durchführen. Achtung: Malathion wird durch Hitze und Chlor inaktiviert. Wegen des Residualeffektes soll in den Tagen nach der Behandlung nicht in gechlortem Wasser gebadet und das Haar nicht geföhnt werden. Aus dem gleichen Grund ist wegen potenzieller Wechselwirkungen auch auf Haarfestiger, -tönungen und -pflegemittel zu verzichten.1,3**

WIRKSAMKEIT: INFECTOPEDICUL MALATHION wurde generisch zugelassen. Eigene Studien hat der Anbieter Infectopharm nicht durchgeführt. Er verweist auf vier Publikationen,5-8 die Daten zur Wirksamkeit eines 1%igen Malathion-Shampoos bei Kopflausbefall enthalten.3 Nachfragen unsererseits, z.B. in welcher der Studien tatsächlich ein Präparat geprüft wird, das in der Formulierung und den Anwendungsmodalitäten INFECTOPEDICUL MALATHION entspricht, kann Infectopharm nicht beantworten, da die Firma keinen Zugriff auf die Unterlagen des Originalanbieters hat. 9

Soweit wir sehen, wird nur in einer Arbeit, einer unkontrollierten Untersuchung mit 17 Teilnehmern,5 ein 1%iges Malathion-Shampoo gemäß den jetzt zugelassenen Anwendungsvorschriften verwendet. Eine Woche nach der zweiten Behandlung sind alle Patienten frei von Läusen (Wirksamkeit 100%). Der ovizide Effekt wird hingegen als ungenügend eingestuft: Bei 5 von 12 Personen (42%), die unmittelbar vor der zweiten Behandlung untersucht werden, finden sich frisch geschlüpfte Larven.5 In einer weiteren Studie, einem randomisierten Vergleich eines 1%igen Shampoos mit einer 0,5%igen alkoholischen Malathion-Lotion bei insgesamt 50 Kindern, wird auf die erneute Behandlung eine Woche nach Erstanwendung verzichtet. 27 von 28 Kindern (96%) sind bei der Kontrolle nach 7 bis 14 Tagen frei von Läusen gegenüber allen 22 Kindern in der Vergleichsgruppe.6 In den beiden anderen vom Anbieter zitierten Untersuchungen7,8 wie auch in weiteren über PubMed auffindbaren Studien mit 1%igem Malathion (z.B. 10,11) werden völlig abweichende Regime geprüft, sodass die Ergebnisse nicht übertragbar sind. Überwiegend werden dort Eradikationsraten von über 90% erzielt.***

STÖRWIRKUNGEN: Die Fachinformation führt lediglich Kontaktdermatitis als gelegentliche unerwünschte Wirkung auf.1 In der Fachinformation eines in der Schweiz angebotenen 1%igen Malathion-Shampoos (PRIODERM) werden zusätzlich Haut- und Augenreizungen sowie Haarausfall als gelegentliche Störwirkung genannt,12 in einer der oben erwähnten Untersuchungen Brennen (7%) und Reizung (2%) der Haut.10 In dieser Arbeit bemängelt jeder zweite Anwender, der einen Fragebogen zum Prüfpräparat beantwortet, den Geruch des Mittels, in einer anderen Untersuchung betrifft dies immerhin noch jeden fünften.8 Bei INFECTOPEDICUL MALATHION sollen „florale Noten” den Eigengeruch des Organophosphats effizient überdecken.9

Systemische Effekte sind bei korrekter Anwendung offenbar nicht zu befürchten. Werden jedoch größere Mengen verschluckt, z.B. in suizidaler Absicht, kann es durch Hemmung der Azetylcholinesterase zu Symptomen einer von E-605-Vergiftungen bekannten parasympathischen Überstimulation kommen mit Übelkeit, Erbrechen, verstärktem Speichelfluss, Myosis, Bradykardie, Hypotonie u.a.1,12 Spezifisches Antidot ist hier Atropin.

KOSTEN: Bei kurzem Haar kostet die Behandlung von Kopfläusen mit Malathion (INFECTOPEDICUL MALATHI- ON, 4 x 5 cm Shampoo) 12 €. Angebrochene Packungen sind allerdings nur zwei Wochen haltbar, können also nicht für einen eventuellen erneuten Befall aufgehoben werden. Ein Dimeticon-haltiges Medizinprodukt wie JACUTIN PEDICUL Fluid ist etwa 40% preiswerter (7 € für 2 x 25 ml).

∎  Mit INFECTOPEDICUL MALATHION ist erneut ein Malathion-haltiges Mittel gegen Kopfläuse erhältlich. Im Gegensatz zu einer in den 1980er und 1990er Jahren angebotenen alkoholischen 0,5%igen Zubereitung (früher: ORGANODERM), die wegen geringer Akzeptanz aus dem Handel gezogen wurde, handelt es sich bei dem neuen verschreibungspflichtigen Präparat um ein 1%iges Shampoo.

∎  Wie bei den anderen hierzulande angebotenen Läusemitteln ist die Studienlage unbefriedigend: Da das Organophosphat generisch zugelassen wurde, hat der Anbieter Infectopharm keine eigenen präklinischen oder klinischen Studien durchgeführt. Nachfragen, z.B. in welcher der für die Zulassung herangezogenen Untersuchungen tatsächlich ein Präparat geprüft wurde, das in der Formulierung und den Anwendungsmodalitäten INFECTOPEDICUL MALATHION entspricht, oder wie lange der Wirkstoff am Haar verbleibt, kann die Firma daher nicht beantworten.

∎  In klinischen Untersuchungen werden mit 1%igen Malathion-Shampoos unter verschiedenen Behandlungsregimen überwiegend Eradikationsraten von über 90% erzielt.

∎  Systemische Effekte sind bei korrekter Anwendung offenbar nicht zu befürchten. Kontaktdermatitis, Haut- und Augenreizungen kommen unter 1%igem Shampoo vor.

∎  Angesichts der insgesamt unbefriedigenden Datenlage empfehlen wir, ein vom Umweltbundesamt geprüftes und auf der Entwesungsmittelliste gelistetes Präparat zu verwenden, in erster Linie das physikalisch wirkende Dimeticonhaltige JACUTIN PEDICUL Fluid. Von Sprayzubereitungen wie NYDA raten wir allerdings ab. Malathion kommt beim derzeitigen Kenntnisstand bei Kopfläusen nicht in Betracht.

  (R =randomisierte Studie)
1 Infectopharm: Fachinformation INFECTOPEDICUL MALATHION, Stand Febr. 2012
2 Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelhygiene: Bundesgesundheitsbl. - Gesundheitsforsch. - Gesunheitssschutz 2008; 51: 1220-38 http://www.bvl.bund.de/SharedDocs/ExterneLinks/03_Bedarfsgegenstaende/Rechtsgrundlagen/national/ BVL_Bekanntmachung_Infektionsschutzgesetz.pdf?__blob=publicationFile&v=2
3 Infectopharm: Schreiben vom 9. Aug. 2012
4 Robert Koch-Institut: Kopflausbefall, Ratgeber für Ärzte, Stand Nov. 2008
5 BLOMMERS, L.: Acta Leiden. 1978; 46: 7-8
R    6 PRESTON, S., FRY, L.: R. Soc. Health J. 1977; 97: 291
7 FAN, P.C. et al.: Kaohsiung J. Med. Sci. 1999; 15: 209-17
8 MUMCUOGLU, K.Y. et al.: Harefuah 2006; 145: 474-6, 552 (hebräisch, zit. nach Abstract)
9 Infectopharm: Schreiben vom 10. u. 14. Aug. 2012
10 WANANUKUL, S. et al.: J. med. Assoc. Thai 2011; 94: 465-9
R  11 GREIVE, K.A. et al.: Australas. J. Dermatol. 2012 ; online publ. am 3. Juli 2012
12 Mundipharma (Schweiz): Fachinformation PRIODERM, Stand Apr. 2010

* In diesem Artikel gehen wir nur auf die Anwendung von Malathion bei Kopfläusen ein. Eine Bewertung bei Filzlausbefall folgt.
** Wie lange diese Einschränkungen konkret gelten, beantwortet der Anbieter auf Nachfrage nicht, sondern verweist darauf, dass es sich um eine generische Zulassung handelt, bei der keine eigenen präklinischen oder klinischen Daten erhoben werden müssen.9
*** Lediglich in einer randomisierten Studie,11 die vom Anbieter des Eukalyptus-haltigen Vergleichspräparates durchgeführt und veröffentlicht wird, liegt die Wirksamkeit nur bei 40%.

© 2012 arznei-telegramm, publiziert am 17. August 2012

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