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Kurz und bündig

Gesundheitscheck und Diabetes-Screening ohne belegten Nutzen

Seit über 20 Jahren bezahlen die gesetzlichen Krankenversicherungen den Gesundheitscheck-up 35+, bei dem alle zwei Jahre mittels Anamnese, körperlicher Untersuchung und einiger Labortests bei gesunden Menschen über 35 Jahren nach Herzkreislauf- und Nierenerkrankungen sowie Diabetes gefahndet wird. Anders als man intuitiv meinen könnte, ist ein Nutzen dieses Screenings aber nicht belegt. Aktuell werden zwei Studien mit ernüchternden Ergebnissen publiziert: Eine systematische Cochrane-Übersicht betrachtet die vorliegenden randomisierten kontrollierten Studien zum klinischen Nutzen von Health-Checks, also Screening-Programmen, bei denen in mehreren Organsystemen nach mehreren Erkrankungen oder Risikofaktoren gesucht wird. Von 14 ausgewerteten Studien mit Angaben zu relevanten Endpunkten bieten 9 mit zusammen knapp 156.000 Teilnehmern Daten zur Gesamtsterblichkeit. Nach medianem Follow-up von neun Jahren ergibt sich durch das Screening ein relatives Risiko (RR) von 0,99 (95% Konfidenzintervall [CI] 0,95-1,03). Auch die kardiovaskuläre Mortalität (RR 1,03; 95% CI 0,91-1,17) und die Krebssterblichkeit (RR 1,01; 95% CI 0,92-1,12) werden durch das Screening nicht gemindert. Auf nichttödliche Komplikationen wie Krankenhauseinweisungen findet sich ebenfalls kein Effekt. Die Mehrzahl der Studien ist alt, was die Möglichkeit offen lässt, dass die Früherkennung durch verbesserte Therapieoptionen heute mehr bringt. Belegt ist dies nicht. Abzuwarten sind die Ergebnisse einer großen dänischen Studie mit mehr als 60.000 Teilnehmern, die 1999 gestartet wurde (KROGSBØLL, L.T. et al.: General health checks in adults for reducing morbidity and mortality from disease. Cochrane Database of Systematic Reviews, Stand Juli 2012; Zugriff Nov. 2012). Nach der ebenfalls aktuell publizierten ADDITION*-Cambridge-Studie hat zumindest das Screening auf Typ-2-Diabetes auch im zeitgenössischen Rahmen keinen lebensverlängernden Nutzen. In der zwischen 2001 und 2011 durchgeführten Studie werden 33 ostenglische Hausarztpraxen randomisiert. Einmaliges Screening, zu dem mehr als 16.000 zwischen 40 und 69 Jahre alte Patienten mit hohem Diabetesrisiko eingeladen werden (Teilnahme 73%), wirkt sich bei medianer Nachbeobachtung von 9,6 Jahren weder auf die Gesamtsterblichkeit (Hazard Ratio [HR] 1,06; 95% CI 0,90-1,25) noch auf die kardiovaskuläre (HR 1,02; 95% CI 0,75-1,38), die diabetesbezogene (HR 1,26; 95% CI 0,75-2,10) oder die Krebssterblichkeit (HR 1,08; 95% CI 0,90-1,30) günstiger aus als Routineversorgung (4.100 Patienten; SIMMONS, R.K. et al.: Lancet 2012; online publ. am 4. Okt. 2012; http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(12)61422-6). Die Cochrane-Autoren sprechen sich gegen den routinemäßigen Health-Check in der Allgemeinbevölkerung aus. Diagnostische Maßnahmen bei klinischem Verdacht oder Risikohinweisen sind selbstverständlich davon unberührt, -Red.

* ADDITION = Anglo-Danish-Dutch Study of Intensive Treatment in People With Screen Detected Diabetes in Primary Care

© 2012 arznei-telegramm, publiziert am 9. November 2012

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