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Intermittierende pneumatische Kompression der Beine nach Schlaganfall?

Die großen Studien CLOTS*-1 und 2 lieferten keine hinreichenden Belege dafür, dass oberschenkellange Kompressionsstrümpfe nach Schlaganfall vor tiefen Beinvenenthrombosen schützen (a-t 2009; 40: 65-6 und 2010; 41: 105-6). Nun erscheint die CLOTS-3-Studie, in der eine intermittierende pneumatische Kompression geprüft wird. An der in Großbritannien durchgeführten Untersuchung nehmen 2.876 hospitalisierte im Mittel 75 Jahre alte Patienten mit akutem immobilisierenden Schlaganfall (13% hämorrhagisch) teil, die keine Kontraindikation für die Intervention wie Beinulzera, schwere Ödeme oder Herzinsuffizienz haben. Zusätzlich zur üblichen Versorgung werden Ober- und Unterschenkel beider Beine randomisiert tags und nachts intermittierend pneumatisch komprimiert oder aber nicht. Primärer Endpunkt sind innerhalb von 30 Tagen mittels Screening durch Kompressionsduplexsonografie entdeckte asymptomatische oder bildgebend bestätigte symptomatische proximale tiefe Venenthrombosen. Nur 31% der Patienten in der experimentellen Gruppe wenden das Kompressionssystem wie geplant an, bis sie mobil oder entlassen sind bzw. maximal für 30 Tage oder bis zu einer ggf. erst später durchgeführten abschließenden Kompressionsduplexsonografie der Beine. 17% der Patienten in beiden Gruppen erhalten prophylaktisch unfraktionierte oder niedermolekulare Heparine.** Die Rate der Patienten mit einem Ereignis des primären Endpunkts liegt unter intermittierender pneumatischer Kompression mit 8,5% versus 12,1% um 3,6% niedriger als in der Kontrollgruppe (95% Konfidenzintervall [CI] 1,4-5,8). Symptomatische proximale tiefe Venenthrombosen (2,7% versus 3,4%), Lungenembolien (2,0% vs. 2,4%) und Mortalität (10,8% vs. 13,1%) innerhalb von 30 Tagen unterscheiden sich jedoch nicht signifikant zwischen den Gruppen. Für die Autoren unerwartet, errechnet sich eine Senkung der Mortalität innerhalb von sechs Monaten (weiterer sekundärer Endpunkt: Hazard Ratio 0,86; 95% CI 0,74-0,99). Zumindest zum Teil könnte der Überlebensvorteil durch die Intervention bedingt sein. Als wahrscheinlichster Mechanismus erscheint den Autoren eine Minderung tödlicher, jedoch nicht diagnostizierter Lungenembolien. Hinreichende Angaben zu den Todesursachen fehlen ihnen jedoch. Auch für symptomatische Beinvenenthrombosen unter Einschluss distaler tiefer Venenthrombosen ergibt sich ein signifikanter Vorteil für die Kompression (4,6% vs. 6,3%). Bei der Vielzahl getesteter sekundärer Endpunkte steht die Validität dieser Effekte jedoch infrage. In der Interventionsgruppe werden zudem häufiger Hautschäden (3,1% vs. 1,4%) und Verletzung durch Sturz (2,3% vs. 1,7%) berichtet (CLOTS Trials Collaboration; Lancet 2013; 382: 516-24). Bevor die Kompressionssysteme, deren Preis laut Anbieter "im Klinikbereich in der Regel deutlich unter 1.000 € pro Gerät" liegt (Covidien Deutschland: Schreiben vom 6. August 2013), nach akutem Schlaganfall verwendet werden, sollten die positiven Effekte und die Senkung der Mortalität in einer weiteren Studie bestätigt werden, -Red.

*   CLOTS = Clots in Legs Or sTockings after Stroke
** Leitlinien empfehlen zwar, Heparine risikostratifiziert anzuwenden, eine positive Nutzen-Schaden-Bilanz bei akutem ischämischen Schlaganfall ist in randomisierten Studien jedoch nicht belegt (WHITELEY, W.N. et al.: Lancet Neurol. 2013; 12: 539-45).

© 2013 arznei-telegramm, publiziert am 16. August 2013

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