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Kurz und bündig

Hunderte Nahrungsergänzungsmittel enthalten bedenkliche Sildenafil-Varianten

Zunehmend warnen die Überwachungsbehörden einiger Staaten vor gepanschten Nahrungsergänzungsmitteln - vor Produkten, die als natürlich und rein pflanzlich angepriesen werden, in denen jedoch bei der Überprüfung im Labor chemische Wirkstoffe nachgewiesen wurden. Die Datenbank "Gepanschtes" der Verbraucherzeitschrift Gute Pillen - Schlechte Pillen* (www.gp-sp.de → Gepanschtes) nennt inzwischen rund 1.000 auffällig gewordene Nahrungsergänzungen - und dennoch wohl nur die Spitze des Eisbergs. In mehr als 40% dieser Produkte wurden Phosphodiesterase (PDE)-5-Hemmer wie Sildenafil (VIAGRA, Generika) entdeckt - zum Teil in höheren Dosierungen als medizinisch verwendet. Vor allem Männer, die solche Wirkstoffe meiden müssen, etwa weil sie Nitropräparate gegen Angina pectoris einnehmen, dürften bei Erektionsstörungen auf Produkte ausweichen, die als "natürlich" angeboten werden. Und gerade diese Männer sind besonders gefährdet, weil die Kombination PDE-Hemmer plus Nitropräparat bedrohlichen Blutdruckabfall bewirken kann. Panschende Firmen verwenden immer häufiger chemische Varianten von Phosphodiesterasehemmern, die nicht als Arzneimittel verwendet werden und für die Routinemethoden fehlen. Damit wollen sie den analytischen Nachweis der Beimischungen und deren juristische Bewertung erschweren. Rund 50 verschiedene Varianten sind inzwischen in Nahrungsergänzungsmitteln nachgewiesen worden. Mit (unerwarteten) Störwirkungen ist zu rechnen, beispielsweise wenn die Selektivität gegenüber PDE 5 geringer ist als bei üblichen PDE-5-Hemmern. So fällt Azetildenafil durch Sehstörungen auf. Es hemmt das in der Retina vorkommende PDE 6 deutlich stärker als Sildenafil. Toxikologische Bedenken bestehen unter anderem auch wegen potenziell bei der Verstoffwechselung entstehender alkylierender Verbindungen, beispielsweise bei Chlorodenafil (VENHUIS, B.J., De KASTE, D.: J. Pharm. Biomed. Anal. 2012; 69: 196-208). Angesichts der unkalkulierbaren Risiken empfiehlt es sich, potenziellen Nutzern folgende Faustregel mitzuteilen: Es gibt nur zwei Arten von Nahrungsergänzungsmitteln gegen Impotenz, solche, die wahrscheinlich verträglich sind, aber nicht wirken und solche, die möglicherweise wirken, aber riskant sind (COHEN, P.A., VENHUIS, B.J.: JAMA Intern. Med. 2013; 173: 1169-70).

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© 2013 arznei-telegramm, publiziert am 16. August 2013

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