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Im Blickpunkt

"MEDIKAMENTE DES JAHRES" - EINE INFLATION VON "SIEGERMEDAILLEN"

"Medikament des Jahres 2014", das klingt stark. Das jährlich vergebene, sogar als "Pharma-Oscar"1 bezeichnete Prädikat ist allerdings weder ein Zeichen besonderer Qualität noch exklusiv. Praktisch für jede Nische der Selbstmedikation, etwa für Präparate gegen hormonell und erblich bedingten Haarausfall bei Frauen, für Selen- oder Passionsblumenpräparate, lässt der Bundesverband Deutscher Apotheker e.V. (BVDA) in Apotheken abfragen, welche rezeptfreien Präparate sie besonders häufig empfehlen werden.

Nach Auswertung von lediglich 305 Fragebögen wird anschließend für jede Marktnische ein "Medikament des Jahres" ausgerufen, mit 65% der Nennungen beispielsweise WICK MEDINAIT - in der Kategorie "innerliche Grippemittel". Da Mehrfachnennungen möglich sind, folgen in dieser Kategorie knapp dahinter die Homöopathika MEDITONSIN* (63%) und CONTRAMUTAN N Saft (61%).1 Es irritiert allerdings, dass die in der als repräsentativ bezeichneten Umfrage erfasste Rangfolge überhaupt nicht der Verkaufsrealität entspricht. In deutschen Apotheken wurden 2013 vor allem die Fixkombinationen GRIPPOSTAD C (30% Marktanteil), das gar nicht unter den laut Umfrage empfohlenen Präparaten genannt wird, sowie ASPIRIN COMPLEX (28%) verkauft, deutlich seltener dagegen WICK MEDINAIT (16%). Von Schrotschusskombinationen vom Typ WICK MEDINAIT, das ein Analgetikum, Antihistaminikum, Betasympathomimetikum und ein Antitussivum sowie 18 Vol.-% Ethanol enthält, raten wir seit Jahrzehnten ab und ziehen symptombezogen bedarfsgerecht dosierbare Einstoffpräparate vor (alarm-telegramm 1989, Seite 206; a-t 2013; 44: 112-3).

* MEDITONSIN wird gegen akute Hals- und Rachenentzündungen angeboten, ist also noch nicht einmal ein "Grippemittel", -Red.

Kurzzeitiger Gebrauch eines Oxymetazolin-Nasenmittels wie NASIVIN - Medikament des Jahres in der Kategorie "topische Schnupfenmittel" - kann durchaus sinnvoll sein, wobei allerdings Xylometazolin-haltige Präparate (NASENTROPFEN AL u.a.) bereits zum halben Preis zu haben sind. Auch hier fällt auf, dass NASIVIN in Wirklichkeit relativ selten verkauft wird, beispielsweise der Marktführer NASENSPRAY-RATIOPHARM 2013 mehr als zwölfmal so häufig. Als Grundlage der BVDA-Umfrage herausgestellte Beurteilungskriterien wie "minimale Risiken und Nebenwirkungen sowie keine Gewöhnungsgefahr"2 dürften jedoch weder für Oxymetazolin noch für ein anderes nasales Betasympathomimetikum zutreffen. Die z.B. als "NASIVINismus" bezeichnete Nasentropfen-Rhinitis durch missbräuchlichen Dauergebrauch haben wir bereits in den 1970er Jahren beschrieben (a t 1972; Nr. 7: 29).

Die Preisverleihung gibt den Firmen die Möglichkeit, ihre Produkte auf der Basis eines neutral und relevant klingenden Prädikates zu bewerben und Vorteile zu propagieren. So teilt der Anbieter Merck in diesem Zusammenhang mit: NASIVIN bekämpft "zusätzlich ... die häufigsten Erreger eines Schnupfens, die so genannten Rhinoviren".2 Für die klinische Relevanz solcher Effekte finden wir keine Belege, und Merck liefert uns auf Anfrage lediglich Labordaten von Firmenautoren.3,4

Die Mucos GmbH betont anlässlich der "Siegermedaille" für WOBENZYM PLUS, Kategorie "Antitraumatika", dass das Enzympräparat den Ablauf von Entzündungsprozessen erheblich beschleunigen könne.5 Für klinisch relevante Effekte finden wir jedoch keine aussagekräftigen Belege (a-t 2013; 44: 102-3).

Es ist leicht durchschaubar, dass die Flut von Produkten, denen im Februar 2014 in der Alten Oper in Frankfurt/Main der Preis "Medikament des Jahres" verliehen wurde, Ausdruck einer groß angelegten Marketingaktion ist. Die Anbieter und der ausrichtende eher unbedeutende Apothekerverband profitieren davon. Firmen werben mit dem Prädikat "Medikament des Jahres", und Verbraucher dürften dieses als Qualitätssiegel für Arzneimittel mit besonders guter Nutzen-Schaden-Relation missverstehen. Der Preis bietet jedoch keine Orientierungshilfe für die Auswahl von OTC-Arzneimitteln. Den Verbrauchern und letztlich auch den beratungsaktiven Apothekern wird mit derartigen irreführenden Preisverleihungen ein Bärendienst erwiesen, -Red.

1 Wick: Gewählt von Apothekern. apotheke adhoc, 17. Jan. 2014 http://www.a-turl.de/?k=albo
2 Merck: Pressemitteilung vom 4. März 2014; http://www.a-turl.de/?k=olfe
3 Merck GmbH: Schreiben vom 6. März 2014
4 KOELSCH, S. u.a.: Arzneimittel-Forschung 2007; 57: 475-82
5 Mucos Pharma: Pressemitteilung vom 26. Febr. 2014 http://www.a-turl.de/?k=berp

© 2014 arznei-telegramm, publiziert am 14. März 2014

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