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Korrespondenz

WOBENZYM PLUS/PHLOGENZYM BEI ARTHROSE ODER VERLETZUNGEN?

Ich würde mich über eine aktuelle Bewertung von WOBENZYM PLUS freuen. Ich stand dem Präparat immer kritisch gegenüber. Jetzt sind mir neuere Studien vom Anbieter geschickt worden, die in Ihrer letzten Bewertung des Produktes (damals noch unter dem Namen PHLOGENZYM) im a-t 2002; 33: 14 nicht berücksichtigt sind.

S. RIESEBERG (Apotheker)
D-68723 Schwetzingen
Interessenkonflikt: keiner

„…bei aktivierter Arthrose – so wirksam wie Diclofenac…”, wirbt der Anbieter Mucos Pharma aktuell für WOBENZYM PLUS,1 das die Enzyme Bromelain (aus Ananas) und Trypsin sowie Rutosid, ein Flavonoid aus dem japanischen Pagodenbaum, enthält.2 Hierzu führt Mucos Pharma eine nicht publizierte Metaanalyse von M. ÜBERALL*, Präsident der Deutschen Schmerzliga e.V., an, die individuelle Patientendaten von sechs randomisierten kontrollierten Doppelblindstudien mit insgesamt 783 Patienten auswertet.3 Nur drei der Untersuchungen4-6 sind veröffentlicht,7 sodass eine unabhängige Bewertung der Wirksamkeit nicht möglich ist. Weder diese drei Studien noch eine weitere, die seit unserer letzten Bewertung publiziert worden ist,8 prüfen das Präparat gegenüber Plazebo, wie es die europäische Arzneimittelbehörde EMA aktuell für einen Wirksamkeitsnachweis bei Arthrose fordert. Auch ist die Nachbeobachtung mit maximal sieben Wochen zu kurz: Die EMA fordert eine Studiendauer von wenigstens drei Monaten.9 Nutzenbelege, die Mindestanforderungen genügen, fehlen somit.

Für die Indikation Schwellungen und Entzündungen als Folge von Verletzungen finden wir an randomisierten Doppelblindstudien in PubMed lediglich eine 2004 publizierte. 674 Patienten mit akuter Verstauchung des Sprunggelenks verwenden in acht Gruppen WOBENZYM PLUS, ein oder zwei Einzelwirkstoffe des Mittels bzw. Plazebo. Nach sieben Tagen sind Schmerzen beim Gehen sowie Schwellung und Bewegungsumfang des Sprunggelenks unter dem Mittel nicht besser als unter Plazebo.10 Nicht bestätigt werden damit positive Effekte, die in zwei älteren plazebokontrollierten Doppelblindstudien11,12 beschrieben sind. Diese mit 40 bzw. 60 Patienten kleinen, methodisch mangelhaften und nicht in PubMed auffindbaren Studien haben wir vom Anbieter erhalten.

Zur Indikation Thrombophlebitis wurden laut Anbieter keine Studien veröffentlicht,13 sodass sich der Nutzen nicht beurteilen lässt.

Angesichts unzureichender beziehungsweise fehlender Nutzenbelege raten wir von der Einnahme von WOBENZYM PLUS ab, für das pro Monat 40,50 € aufzuwenden sind (bei täglich 6 Tabletten, 800 Tabletten 179,95 €, Listenpreis), –Red.

  (R =randomisierte Studie)
1 Mucos Pharma: WOBENZYM PLUS bei aktivierter Arthrose – so wirksam wie Diclofenac, so verträglich wie Plazebo, Internetseite, 23. Aug. 2013 http://www.wobenzym.de/nc/de/neuigkeiten/detail/news-item/44/
2 Mucos Pharma: WOBENZYM PLUS, Internetseite; http://www.wobenzym.de/de/sortiment/wobenzym-plus/; Zugriff Nov. 2013
3 Mucos Pharma: Pressemitteilung vom 23. Aug. 2013
R  4 KLEIN, G., KULLICH, W.: Clin. Drug Invest. 2000; 19: 15-23
R  5 SINGER, F. et al.: Int. J. Immunotherapy 2001; 17: 135-41
R  6 AKHTAR, N.M. et al.: Clin. Rheumatol. 2004; 23: 410-5
7 Mucos Pharma: Schreiben vom 30. Aug. 2013
R  8 KLEIN, G. et al.: Clin. Exp. Rheumatol. 2006; 24: 25-30
9 EMA: Guideline on clinical investigation of medicinal products used in the treatment of osteoarthritis, 20. Jan. 2010; http://www.ema.europa.eu/docs /en_GB/document_library/Scientific_guideline/2009/09/WC500003440.pdf
R  10 KERKHOFFS, G.M.M.J. et al.: Br. J. Sports Med. 2004; 38: 431-5
R  11 BAUMÜLLER, M.: Zeitschrift für Praxis und Klinik 1994; 10: 171-8
R  12 RAHN, H.D. et al.: Dtsch. Z. Sportmed. 1995; 46: 426-31
13 Mucos Pharma: Schreiben vom 18. Juli 2013

* Im vergangenen Jahr war M. ÜBERALL als Meinungsbildner in Sachen Flupirtin (KATADOLON, Generika) aufgefallen, unter anderem mit einer Metaanalyse, die als Nachweis für die Wirksamkeit des Analgetikums bei subakuten/chronischen muskuloskeletalen Schmerzen dienen sollte (a-t 2012; 43: 61-2). Aktuell wollen die Behörden diese Indikation wegen Leberschädlichkeit und fehlender Nutzenbelege streichen (vgl. a-t 2013; 44: 64).

© 2013 arznei-telegramm, publiziert am 8. November 2013

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