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Nebenwirkungen

VERLUST DES FINGERABDRUCKS DURCH KREBSMITTEL

Fingerabdrücke haben längst nicht mehr nur forensische Bedeutung. So werden sie seit Jahren beispielsweise bei der Einreise in die USA erfasst, oder sie ermöglichen das Entsperren von Smartphones, Notebooks u.a. Aus dem Iran wird jetzt über eine 30-jährige Frau berichtet, deren Fingerabdruck vom Fingerprint Analyser ihres Arbeitsplatzes nicht mehr erkannt wird. Wegen eines Ovarialkarzinoms erhielt sie postoperativ Paclitaxel (PACLITAXEL KABI u.a.) und Carboplatin (CARBOPLATIN-GRY u.a.). Nach dem 7. Therapiezyklus entwickelten sich an Fußsohlen und Handrücken Erythem und Missempfindungen als Zeichen eines Hand-Fuß-Syndroms (palmoplantare Erythrodysästhesie), das ihre üblichen Aktivitäten nicht beeinträchtigt. 13 Bereiche (Minutien) ihrer aktuellen Fingerlinien stimmen jedoch nicht mehr mit denen vor Therapiebeginn überein. Dies scheint der erste Bericht eines veränderten Fingerabdrucks in Verbindung mit Paclitaxel zu sein. Eine symptomatische topische Behandlung mit Hautpflegemitteln (Emollientien), Betamethason (BETNESOL-V, Generika)-Salbe und Lichtschutzmitteln soll graduell Besserung gebracht haben.1 Allerdings gibt es auch Verdachtsberichte, in denen Langzeitgebrauch von Kortikoidexterna bei Ekzem mit Verlust von Fingerlinien in Verbindung gebracht wird.2

Schon länger bekannt ist die ungewöhnliche Störwirkung für den Antimetaboliten Capecitabin (XELODA, Generika),3,4 der sehr häufig ein schweres Hand-Fuß-Syndrom mit Blasenbildung und Hautablösung verursacht. Ein Hinweis darauf, dass sich dieses auf den Fingerabdruck auswirken kann, fehlt allerdings in aktuellen Fachinformationen.5 Auch bei weiteren Krebsmitteln, die ein Hand-Fuß-Syndrom auslösen können,* ist mit Veränderungen bzw. Verlust von Fingerlinien zu rechnen.4 Anlässlich eines Berichtes über einen mit Capecitabin behandelten Mann, der bei der Einreise in die USA wegen ausgelöschter Fingerabdrücke vier Stunden lang vom Zoll festgehalten wurde, empfiehlt ein Onkologe, betroffenen Patienten ein Schreiben mitzugeben, das den medizinischen Hintergrund des Problems transparent macht.3

1 AZADEH, P. et al.: Ann. Pharmacother. 2014; 48: 1249-50
2 SERGEANT, A. et al.: Clin. Experim. Dermatol. 2012; 37: 679-80
3 WONG, M. et al.: Ann. Oncol. 2009; 20: 1281; http://www.a-turl.de/?k=rich AL-AHWAL, M.S.: Oncologist 2012; 17: 291-3; http://www.a-turl.de/?k=reuc
4 AL-AHWAL, M.S.: Oncologist 2012; 17: 291-3; http://www.a-turl.de/?k=reuc
5 z.B. Roche: Fachinformation XELODA, Stand Jan. 2014
* Sehr häufig (über 10%) ist mit einem Hand-Fuß-Syndrom zu rechnen unter Aflibercept (ZALTRAP), Axitinib (INLYTA),Cabozantinib (COMETRIQ), Clofarabin (EVOLTRA), Dabrafenib (TAFINLAR), Fluorouracil (5-FU-CELL u.a.), Lapatinib (TYVERB), Regorafenib (STIVARGA), Sorafenib (NEXAVAR), Sunitinib (SUTENT), Trastuzumab (HERCEPTIN) u.a. Die atd Arzneimitteldatenbank nennt derzeit 32 Wirkstoffe mit überwiegend beträchtlichem Potenzial, ein Hand-Fuß-Syndrom auslösen zu können, –Red.

© 2014 arznei-telegramm, publiziert am 19. September 2014

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