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FLUORID GEGEN OTOSKLEROSE?

Kürzlich wurde ich im Familienkreis mit der Verdachtsdiagnose einer beginnenden Otosklerose konfrontiert. Der HNO-ärztliche Kollege schlug eine Behandlung mit OSSIN zur "Demineralisierung" der Gehörknöchelchen vor.

Eine solche – zumal örtlich selektive – Wirkung einer Fluorid-Therapie ist mir unbekannt, und die Indikation erscheint zum mindesten dubios. Gibt es rationale medikamentöse Behandlungskonzepte einer Otosklerose? Liegen über OSSIN in dieser Hinsicht Studien oder auch nur Erfahrungsberichte vor?

Dr. med. Th. REUTER
Institut für Pathologie
W-4600 Dortmund 1

In den 60er und 70er Jahren erbrachten einige experimentelle oder epidemiologische Beobachtungsstudien Hinweise auf günstige Effekte einer Natriumfluorid-Therapie bei Otosklerose.1 Die verwendeten Tagesdosierungen lagen zwischen 1,5 mg und 60 mg. Aus diesen Studien ergab sich der Eindruck, der Hörverlust bei Otosklerose könne durch Natriumfluorid stabilisiert oder verzögert werden.

In einer neueren vergleichenden Kohortenstudie an einer großen Patientenzahl ließ sich jedoch kein positiver Effekt der langjährigen – mit täglich rund 2 mg niedrig dosierten – Natriumfluorid-Therapie auf das Hörvermögen bei Otosklerose nachweisen.2 In einer doppelblinden, Plazebo-kontrollierten Studie fand sich unter der Einnahme von 40 mg Natriumfluorid über ein bis zwei Jahre in Kombination mit Kalziumglukonat und Vitamin D bei etwa 20% der Patienten ein gewisser präventiver Effekt auf den weiteren Hörverlust.3 Weitere Studien zu diesem Thema sind uns nicht bekannt.

Natriumfluorid ist weder hierzulande noch in den USA, Großbritannien oder den skandinavischen Ländern zur Therapie der Otosklerose zugelassen. Aufgrund der zur Zeit vorliegenden Studien erscheint uns eine Therapie der Otosklerose mit Natriumfluorid auch in Ausnahmefällen kaum gerechtfertigt. Dies gilt auch vor dem Hintergrund der derzeitig aktuellen Diskussion über mögliche Störeffekte einer Natriumfluorid-Therapie auf den Knochenstoffwechsel mit möglicherweise erhöhter Frakturrate an Schenkelhals und unteren Extremitäten (vgl. a-t 2 [1990], 19). Eine effiziente medikamentöse Therapie der Otosklerose steht aus (–Red.).

1

SHAMBOUGH, G. E., J. CAUSSE: Ann. Otol. 88 (1974), 635

2

KARJALAINEN, S. et al.: Acta Otolaryngol. 94 (1982), 111

3

BRETLAU, P. et al.: Ann. Otol. Rhinol. Laryngol. 94 (1985), 103


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