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ANTIEPILEPTIKUM GABAPENTIN (NEURONTIN)

Jeder fünfte Anfallskranke wird trotz Einnahme von Medikamenten innerhalb eines Jahres nicht anfallsfrei. Am häufigsten versagt die Therapie im Erwachsenenalter bei partiellen Anfällen.1 Neue Wirkstoffe werden daher in der Regel an Patienten mit fokaler Epilepsie – mit oder ohne sekundäre Generalisation – geprüft, die auf konventionelle Mittel nicht genügend ansprechen.2 Nach Vigabatrin (SABRIL, a-t 4 [1992], 34) und Lamotrigin (LAMICTAL, a-t 8 [1993], 78) steht seit März des Jahres mit Gabapentin (NEURONTIN) ein drittes Zusatz-Antiepileptikum für diese Patientengruppe zur Verfügung.

EIGENSCHAFTEN: Gabapentin wurde "am Reißbrett entworfen"3 als ein Mimetikum der gamma-Aminobuttersäure (GABA), dem Überträgerstoff hemmender Nervenzellen im Gehirn. Es wirkt jedoch trotz struktureller Verwandtschaft weder an GABA-Rezeptoren, noch hat es Einfluß auf Wiederaufnahme oder Abbau der GABA. Den Mechanismus seiner antikonvulsiven Wirkung kennt man nicht.2,3 Der nach Einnahme aus dem Darm aufgenommene Anteil sinkt mit steigender Dosis von etwa 60% bei 300 mg auf 40% bei 900 mg.2,4 Das Antiepileptikum wird mit einer relativ kurzen Halbwertszeit von 5-7 Stunden unverändert über die Nieren ausgeschieden.4

KLINISCHER NUTZEN: In drei plazebokontrollierten Multizenterstudien wird Gabapentin je 12 Wochen lang zusätzlich zu bisherigen Antiepileptika an insgesamt 705 Patienten mit therapieresistenten fokalen Anfällen erprobt.5,6,7 Täglich 600 mg bis 1800 mg senken die Anfallshäufigkeit bei 16% bis 28% der Anwender um mindestens die Hälfte. In den Kontrollgruppen geht die Anfallsfrequenz bei 8% bis 10% der Teilnehmer um 50% oder mehr zurück. Im Bereich von 300 mg bis 1800 mg scheint die antiepileptische Wirksamkeit dosisabhängig zu sein. Direkte Vergleiche mit Vigabatrin oder Lamotrigin und Untersuchungen zum Nutzen bei neu aufgetretenen Anfällen fehlen.2,4 Gabapentin wirkt nicht gegen primär generalisierte Anfälle, wie Absencen. Es kann diesen Anfallstyp sogar verschlechtern.8 Zwei kontrollierte Studien mit Gabapentin bei Absencen wurden nicht veröffentlicht.9

UNERWÜNSCHTE WIRKUNGEN: Etwa ein Fünftel der Anwender in klinischen Studien leiden unter Schläfrigkeit und Schwindel, 11% bis 20% unter Ataxie. Bei mehr als 5% geht die Einnahme mit Kopfschmerzen, Müdigkeit, Nystagmus, Doppelbildern und Zittern einher.4,8 Magen-Darm- Störungen, Gewichtszunahme, Muskelschmerzen, Leukopenie, Ödeme, Impotenz und Juckreiz kommen vor,8 vereinzelt auch psychische Effekte wie Depression, Aggressivität, Verwirrtheit, Wahn und Halluzination.4 Hautreaktionen (bis 10% unter Lamotrigin; s. auch S. 56) und Gewichtszunahmen (40% unter Vigabatrin) scheinen unter Gabapentin vergleichsweise selten vorzukommen.

Sehr hohe Dosierungen lösen bei männlichen Ratten Pankreaskarzinome aus.2 Die klinische Bedeutung dieses Befundes für Menschen, die den Wirkstoff weniger stark in der Bauchspeicheldrüse anreichern,10 bleibt offen.11 Eine hämorrhagische Pankreatitis unter Gabapentin ist dokumentiert. Patienten mit vorbestehender Entzündung der Bauchspeicheldrüse dürfen das Mittel nicht einnehmen. Wegen möglicher Blutzuckerschwankungen unter Gabapentin sollen Diabetiker den Blutzucker häufiger kontrollieren und die Antidiabetika-Dosis gegebenenfalls anpassen.8

In klinischen Studien fanden sich keine relevanten Wechselwirkungen mit anderen Antiepileptika.10,12 Ein kanadischer Neurologe berichtet über den Anstieg des Phenytoin-Serumspiegels auf das Vierfache unter Komedikation mit Gabapentin bei einem Patienten, der gleichzeitig Carbamazepin und Clobazam (FRISIUM) einnimmt.12 Antazida senken die Gabapentin-Bioverfügbarkeit um 20%. Zwei Stunden Abstand sind zwischen Einnahme von Antazidum und Gabapentin einzuhalten.2

DOSIS UND KOSTEN: Beginnend mit dreimal 100 mg Gabapentin am ersten Tag wird die Einzeldosis nach klinischem Ansprechen um 100 mg bis maximal dreimal 800 mg gesteigert. Für Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion wird Dosisreduktion empfohlen.8 Die Kosten für täglich 1200 mg liegen mit 225 Mark pro Monat im Bereich von Lamotrigin (siehe Tabelle).

FAZIT: Das neueingeführte Antiepileptikum Gabapentin (NEURONTIN) senkt zusätzlich zu Standardmitteln eingenommen die Häufigkeit zuvor therapierefraktärer fokaler Anfälle bei bis zu einem Viertel der Anwender um mindestens 50%. Der Nutzen dürfte dem anderer Zusatzantiepileptika wie Lamotrigin (LAMICTAL) oder Vigabatrin (SABRIL) entsprechen.4 Vergleichsstudien fehlen. Die nach heutigem Kenntnisstand möglicherweise bessere Verträglichkeit von Gabapentin bedarf der Bestätigung.


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