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ANTIDIABETIKUM REPAGLINIDE (NOVONORM)

Seit Oktober will Novo Nordisk "den Spieß umdrehen".1 Das orale Antidiabetikum Repaglinide (NOVONORM), erster Vertreter der neuen Klasse der Meglitinide, soll jeweils zu den Mahlzeiten eingenommen werden und dadurch eine flexiblere Tagesgestaltung ermöglichen: "Eine Hauptmahlzeit - eine Tablette, keine Hauptmahlzeit - keine Tablette".1

EIGENSCHAFTEN: Repaglinide enthält keine Sulfonylharnstoffstruktur, hat aber Ähnlichkeit mit dem Restmolekül von Glibenclamid (EUGLUCON N u.a.). Maximale Plasmaspiegel entstehen innerhalb einer Stunde nach Einnahme per os. Ebenso rasch wird das Mittel ausgeschieden mit einer Plasmahalbwertszeit von etwa einer Stunde. Repaglinide wirkt wie Glibenclamid, indem es durch Blockade der ATP-sensitiven Kaliumkanäle Insulin aus den Betazellen des Pankreas schleust.2 Auch am Herzen werden diese Kanäle gehemmt.3 Wie bei Sulfonylharnstoffen ist daher von einem kardiotoxischen Potential des Mittels auszugehen.

Die Insulinstimulierung scheint vom Glukosespiegel abzuhängen. Bei niedrigen Konzentrationen soll sie nachlassen.4 Die Unterzuckerungsgefahr könnte daher unter Repaglinide geringer sein als unter Sulfonylharnstoffen - ein theoretischer, aber klinisch nicht belegter Vorteil.

KLINISCHE STUDIEN: Ein einziger offener, kontrollierter Vergleich von Repaglinide und Glibenclamid mit 44 Patienten über 12 Wochen ist vollständig veröffentlicht.5 Nach unveröffentlichten Daten senken 1 mg bis 4 mg Repaglinide vor den Mahlzeiten das HbA1c um 1,3% bis 1,9%.2 In den USA soll Mitte nächsten Jahres eine dreijährige Untersuchung mit 6.300 Typ-2-Diabetikern beginnen, die den Nutzen des Mittels hinsichtlich kardiovaskulärer Ereignisse mit Insulin bzw. einem Sulfonylharnstoff vergleicht.6

UNERWÜNSCHTE EFFEKTE: Das Störwirkungsprofil entspricht dem der Sulfonylharnstoffe. Laut US-amerikanischer Produktinformation erleiden im direkten Vergleich 16% der Repaglinide-Anwender milde bis mäßige Unterzuckerungen, dagegen 20% der Patienten unter Sulfonylharnstoffen. In einer plazebokontrollierten Studie kommen unter Verum bei 31% Hypoglykämien vor. Schwere kardiovaskuläre Ereignisse sind im einjährigen Vergleich unter Repaglinide mit 4% häufiger als unter Sulfonylharnstoffen (3%), ebenso kardiovaskuläre Todesfälle (0,1% vs 0,04%).4 Ein entsprechender Warnhinweis, wie ihn US-amerikanische Produktinformationen auch für Sulfonylharnstoffe vorschreiben, fehlt in der hiesigen Fachinformation.7 Von der Einnahme zusammen mit Metformin (GLUCOPHAGE u.a.) raten wir ab. Unter Kombination des Biguanids mit Sulfonylharnstoffen sind in der UKPDS* deutlich mehr Patienten gestorben als unter Monotherapie (a-t 10 [1998], 88).

KOSTEN: Repaglinide (NOVONORM) verteuert bei dreimal 1 mg/Tag die Behandlung mit jährlich 863 DM gegenüber der Therapie mit täglich 7 mg Glibenclamid (EUGLUCON N: jährlich 149 DM, GLIBENHEXAL: jährlich 79 DM) um das Fünf- bis Elffache.

FAZIT: Seit der Publikation der UKPDS* (a-t 10 [1998], 88) gibt es zwei Klassen von Antidiabetika: Die mit gesichertem klinischen Nutzen und die ohne. Zu den Letzten gehört das neu eingeführte Repaglinide (NOVONORM). Theoretische, vom Marketing profilierte Vorteile wie flexiblere Mahlzeiten treten hinter dem Nachteil des ungeklärten langfristigen Nutzens zurück. Nach unveröffentlichten Kurzzeitdaten könnte Repaglinide die Gefahr schwerer kardiovaskulärer Zwischenfälle und die kardiovaskuläre Sterblichkeit sogar steigern. Wir raten von der teuren Pseudoinnovation außerhalb klinischer Studien ab.

*  UKPDS = United Kingdom Prospective Diabetes Study


© 1998 arznei-telegramm

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