Die Information für Ärzte und Apotheker
Neutral, unabhängig und anzeigenfrei
Kein Abonnent? Das arznei-telegramm® finanziert sich ausschließlich über Abonnements.
Bestellen Sie ein Probeabo
vorheriger Artikela-t 2001; 32: 50-1nächster Artikel
Therapiekritik

STATINE NACH HERZINFARKT: FRÜHER EINNAHMEBEGINN SINNVOLL?

CSE-Hemmer wie Simvastatin (DENAN, ZOCOR) oder Pravastatin (PRAVASIN u.a.) senken bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit das Risiko weiterer kardiovaskulärer Ereignisse und Todesfälle (vgl. a-t 2000; 31: 102-3). Personen mit nur drei bis sechs Monate zurückliegendem Herzinfarkt oder instabiler Angina pectoris waren jedoch bisher von Studien ausgeschlossen. In dieser frühen Phase sind die Patienten aber besonders gefährdet. Zwei neuere epidemiologische Studien legen den Nutzen eines frühzeitigen Behandlungsbeginns nahe.1,2 Tatsächlich erhalten Patienten nach akutem Koronarsyndrom häufig schon im Krankenhaus ein Statin. Neben möglicher positiver Beeinflussung von Endothelfunktion, Gefäßentzündung, Plättchenaggregation u.a. wird dieses Vorgehen auch damit begründet, dass die Patienten besser erreicht werden und den Lipidsenker zuverlässiger einnehmen. Jetzt erscheint erstmals eine randomisierte Studie* zu diesem Thema:

3.000 Patienten beginnen innerhalb von vier Tagen nach stationärer Aufnahme wegen nicht transmuralen (Non-Q-Wave) Herzinfarktes oder instabiler Angina pectoris mit der Einnahme von hoch dosiertem Atorvastatin (SORTIS; 80 mg) oder Plazebo für 16 Wochen. Ausgeschlossen sind Personen mit transmuralem (Q-Wave) Herzinfarkt, geplanter oder zurückliegender koronarer Revaskularisierung, schwerer Herzinsuffizienz, Insulin-abhängigem Diabetes mellitus, Gesamtcholesterin über 270 mg/dl u.a. Unter Atorvastatin erleiden 2,6% weniger ein Ereignis des kombinierten primären Endpunkts (Herzinfarkt, Herzstillstand, Tod oder Wiedereinweisung wegen pektanginöser Beschwerden mit objektivierbarer Myokardischämie) als unter Scheinmedikament (14,8% vs. 17,4%; relative Risikominderung 16%, Konfidenzintervall 0% bis 30%). Das Ergebnis erreicht knapp statistische Signifikanz (p = 0,048). Vermindert werden in erster Linie weitere Angina-pectoris-Anfälle (6,2% vs. 8,4%), während sich für Herzinfarkt oder -stillstand sowie Tod keine Überlegenheit nachweisen lässt.3

Selbst dieses knapp positive Ergebnis ist unsicher: Trotz der kurzen Studiendauer gelten elf Patienten als "verloren" und werden nicht ausgewertet, davon acht unter Verum. Falls z.B. Tod der Grund für ihr Ausscheiden war, ist Atorvastatin nicht mehr überlegen. Zudem beeinflusst das Statin weder den raschen Anstieg koronarer Ereignisse in den besonders komplikationsreichen ersten fünf Wochen, in denen 70% der Zwischenfälle auftraten, noch reduziert es die Notwendigkeit revaskularisierender Eingriffe.4 Unter Atorvastatin kommen Leberenzymerhöhungen über das Dreifache der Norm viermal so häufig vor wie unter Plazebo (2,5% vs. 0,6%). Bei drei Patienten wird eine Hepatitis festgestellt, die sich nach Absetzen zurückbildet.3 Eine nachvollziehbare Begründung für die gewählte Hochdosis von Atorvastatin fehlt.4

FAZIT: Mit hoch dosiertem Atorvastatin (SORTIS) in der Frühphase nach akutem Koronarsyndrom lässt sich in erster Linie das Risiko weiterer Angina- pectoris-Anfälle vermindern, nicht aber von Herzinfarkt, Herzstillstand oder Tod. Selbst dieses Ergebnis ist mit Unsicherheiten behaftet. Bis Daten aus laufenden Studien vorliegen, erscheint uns eine abwartende Haltung beim frühzeitigen Einsatz von Statinen nach Herzinfarkt gerechtfertigt.


© 2001 arznei-telegramm

Diese Publikation ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigung sowie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen ist nur mit Genehmigung des arznei-telegramm® gestattet.

vorheriger Artikela-t 2001; 32: 50-1nächster Artikel