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TADALAFIL (CIALIS) = LANGZEIT-VIAGRA?

"Die schönsten Momente kann man nicht planen"1 - mit diesem Slogan wirbt Lilly für Tadalafil (CIALIS), das neue Potenzmittel mit angeblichem "24-Stunden-Wirkzeitfenster"1. Diese Marketingstrategie soll das Produkt von der Konkurrenz absetzen, dem ersten Phosphodiesterase-Hemmer Sildenafil (VIAGRA; a-t 1998; Nr. 5: 50), der etwa eine Stunde vor dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden soll.2

EIGENSCHAFTEN: Beide Enzymhemmer verringern den Abbau von zyklischem Guanosinmonophosphat, das die Relaxation der glatten Muskulatur des Corpus cavernosum und damit den Blutstrom und die Erektion nach sexueller Stimulation fördert. Tadalafil wird langsamer absorbiert als Sildenafil (maximale Plasmaspiegel nach 2 versus 1 Std.) und mit einer Halbwertszeit von 18 Std. ausgeschieden (Sildenafil: 4 Std.). Tadalafil wird hauptsächlich über CYP 3A4 verstoffwechselt. Wegen Gefahr erhöhter Plasmakonzentrationen ist die gleichzeitige Einnahme von Makrolid-Antibiotika und anderen CYP-3A4-Hemmern einschließlich Grapefruitsaft zu meiden (a-t 2001; 32: 89-91).3,4

KLINISCHE WIRKSAMKEIT: Fünf der sechs Zulassungsstudien, in denen täglich 2,5 mg bis 20 mg Tadalafil mit Plazebo verglichen werden, sind nicht vollständig veröffentlicht. Sie liegen lediglich als zusammenfassende Publikation mit gepoolter Auswertung vor. 1.112 durchschnittlich 59 Jahre alte Männer mit organisch und/oder psychisch bedingter erektiler Dysfunktion nehmen teil. Männer mit Erektionsstörungen nach radikaler Prostatektomie, Beckenoperation, Schlaganfall oder Rückenmarkverletzung sind ausgeschlossen, ebenso Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen wie Herzinsuffizienz oder instabiler Angina pectoris. Die Studienmedikation - maximal eine Tablette pro Tag - soll bei Bedarf zu irgendeiner Zeit vor voraussichtlicher sexueller Aktivität eingenommen werden. Nur unter Verum bessert sich die erektile Funktion von initial mittelschwerem (IIEF* 15 bzw. 16) auf leichtes Beschwerdeniveau (IIEF 21 bzw. 24, primärer Endpunkt). Die Häufigkeit eines erfolgreichen Geschlechtsverkehrs nimmt unter Plazebo um 6% auf 31% zu, unter 10 mg Tadalafil um 34% auf 58% und unter 20 mg um 39% auf 70%.5 Hinreichende klinische Belege für die Erfolgswahrscheinlichkeiten im beworbenen "24-Stunden-Wirkzeitfenster" finden wir nicht, auch nicht für die im europäischen Bewertungsbericht (EPAR)3 enger gefasste Einnahmezeit von 30 Minuten bis 12 Stunden vor sexueller Aktivität.

Bei 216 Diabetikern mit mäßiggradiger erektiler Dysfunktion (IIEF 12) vermindert Tadalafil Potenzschwierigkeiten signifikant (IIEF 19 versus IIEF 12 unter Plazebo).6

Vergleichsstudien mit Sildenafil sind nicht veröffentlicht. Die der europäischen Zulassungsbehörde vorgelegten Studien erlauben weder einen Rückschluss auf einen Wirkvorteil noch auf Gleichwertigkeit mit Sildenafil.3

UNERWÜNSCHTE WIRKUNGEN: Zwei von drei Patienten erleiden behandlungsbedürftige Störwirkungen: Kopfschmerzen bis zu 15%, Dyspepsie bis 12% und verstopfte Nase und Flush etwa 4%. In Probandenstudien geben 28% der Teilnehmer Rückenschmerzen an.3 Farbsehstörungen sollen selten sein.4 Die Marketingbehauptung "besonders gut verträglich"7 basiert auf unbefriedigender Datenlage. Todesfälle und schwere Nebenwirkungen werden im EPAR aus Firmensicht verharmlosend dargestellt: "vom Antragsteller nicht als Tadalafil-bedingt erachtet".3 Spontane schmerzhafte Erektionen, schwere kardiovaskuläre und zerebrovaskuläre Störwirkungen wie Synkopen, Schock, Blutdruckabfall und Todesfälle werden im EPAR ohne Angaben zur Häufigkeit aufgeführt,3 in der deutschen Fachinformation in der Rubrik Nebenwirkungen gar nicht genannt.4 Im Hinblick auf Unverträglichkeitsreaktionen erscheint uns die lange Halbwertszeit von Tadalafil als problematisch.

Bei Hunden wird eine verminderte Spermatogenese beobachtet. Eine Abnahme der Spermienkonzentration wurde auch bei Studienteilnehmern nach täglichem Gebrauch von 10 mg Tadalafil über sechs Monate festgestellt.4

Insbesondere Patienten, die Angiotensin-II-Blocker einnehmen, müssen auf eine mögliche Blutdrucksenkung hingewiesen werden. NO-Donatoren wie Nitrate sind wegen des Risikos des kritischen Blutdruckabfalls kontraindiziert.4

KOSTEN: Bezogen auf die Einstiegsdosis sind 10 mg Tadalafil (CIALIS) und 50 mg Sildenafil (VIAGRA) mit 12 € gleich teuer. Die doppelte Wirkstärke wird bei CIALIS zum identischen Preis angeboten (12 €/20 mg-Dosis), während VIAGRA mit 13,75 €/100 mg-Dosis 15% teurer ist:



 Tadalafil (CIALIS) verbessert gegenüber Plazebo erektile Funktionsstörungen. Vergleiche mit Sildenafil (VIAGRA) sind nicht veröffentlicht.

 Die unerwünschten Wirkungen sind unzureichend dokumentiert. Lebensbedrohliche kardiovaskuläre und zerebrovaskuläre Komplikationen sowie Todesfälle sind vorgekommen.

 Das vom Marketing herausgestellte "24-Stunden-Wirkzeitfenster" erachten wir als klinisch nicht hinreichend belegt. Angesichts der Möglichkeit protrahierter bedrohlicher Risiken erscheint uns die lange Halbwertszeit von 18 Stunden potenziell als Nachteil.

 Wie Sildenafil bewerten wir Tadalafil als bedenkliches Wirkprinzip zur Potenzsteigerung.

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