Die Information für Ärzte und Apotheker
Neutral, unabhängig und anzeigenfrei
Das Rezept, um stets auf dem Laufenden zu sein. Unabhängig informiert durch das arznei-telegramm®.
Bestellen Sie ein Probeabo
vorheriger Artikela-t 2004; 35: 98nächster Artikel
Netzwerk aktuell

Krampfanfälle unter Venlafaxin (TREVILOR): Nach mehrmonatiger Einnahme des Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmers Venlafaxin (TREVILOR, 150 mg/Tag) wegen einer schweren depressiven Episode erleidet ein 61-Jähriger einen Krampfanfall mit Bewusstlosigkeit und anschließendem Dämmerzustand mit ca. zwölfstündiger Amnesie. Die stationäre neurologische Abklärung ergibt keinen organischen Befund. Aus der Kindheit sind Fieberkrämpfe erinnerlich. Nach Halbierung der Dosis treten keine weiteren Anfälle auf, aber Schlaf-assoziierte nächtliche Bewegungsstörungen, die vor Einnahme des Antidepressivums nicht bestanden (NETZWERK-Bericht 13.271). Krampfanfälle werden in der Fachinformation als seltene Nebenwirkung (weniger als 0,1%) erwähnt (Wyeth: Fachinformation TREVILOR, Oktober 2003). In klinischen Studien vor Zulassung von Venlafaxin, bei denen Patienten mit Anfällen in der Vorgeschichte meist ausgeschlossen wurden, liegt die Inzidenz dagegen bei 0,26% (8 von 3.082 Patienten; bei anderen, meist trizyklischen Antidepressiva 0,38%; RUDOLPH, R.L., DERIVAN, A.T.: J. Clin. Psychopharmacol. 1996; 16 [Suppl. 2]: 54S-61S). Auffallend ist, dass fünf der acht betroffenen Patienten weniger als 150 mg Venlafaxin pro Tag einnehmen (SCHLIENGER, R.G. et al.: Ann. Pharmacother. 2000; 34: 1402-5). Bei Überdosierung, zum Beispiel in suizidaler Absicht, schneidet Venlafaxin ungünstig ab: Nach einer prospektiven australischen Kohortenstudie treten epileptische Anfälle dann bei 14% (7 von 51 Patienten) auf und häufiger als unter trizyklischen Antidepressiva, wenn das bei Überdosis besonders epileptogene Trizyklikum Dosulepin (IDOM; a-t 1994; Nr. 5: 48) von der Auswertung ausgeschlossen wird (3,5%, 6 von 172 Patienten, Odds ratio 4,4; 95% Konfidenzintervall [CI] 1,4-13,8). Im Tierversuch mit induzierten Krampfanfällen wirkt Venlafaxin bei Dosissteigerung zunehmend krampffördernd, bis zu 88% der Tiere sterben (Kontrollgruppe 0%; SANTOS, J.G. et al.: Braz. J. Med. Biol. Res. 2002; 35: 469-72). Ohne Angaben zu einzelnen Todesursachen wie Krampfanfälle scheint Venlafaxin nach britischen Mortalitätsdaten beim Vergleich der durch Antidepressiva bedingten Todesfälle (Rate der Todesfälle/Mio. Verschreibungen) insgesamt toxischer zu sein (13,2; 95% CI 9,2-18,5) als selektive Serotonin-Antagonisten wie Fluoxetin (FLUCTIN u.a.; 0,9; 95% CI 0,5-1,4) oder manche trizyklischen Antidepressiva wie Nortriptylin (NORTRILEN; 5,5; 95% CI 2,2- 11,4).

© 2004 arznei-telegramm

Diese Publikation ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigung sowie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen ist nur mit Genehmigung des arznei-telegramm® gestattet.