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Mehr Harninkontinenz unter postmenopausaler Hormontherapie: In der 2004 veröffentlichten Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) wird die Evidenz bezüglich einer Behandlung von Inkontinenzbeschwerden mit Östrogenen als "nicht ausreichend" beurteilt und von der Anwendung abgeraten (http://www.de gam.de/leitlinien/05_inkont/LL_Harninkontinenz.pdf). Hinweise, dass eine Hormoneinnahme Inkontinenzsymptome sogar verschlechtern kann, stammen aus der randomisierten HERS*-Studie (vgl. a-t 1998; Nr. 9: 83) mit mehr als 2.700 Frauen mit koronarer Herzerkrankung (GRADY, D. et al.: Obstet. Gynecol. 2001; 97: 116-20). Dennoch wird die postmenopausale Hormontherapie bis heute zur Behandlung von Inkontinenzbeschwerden empfohlen (WOHN, H.-G. et al.: Forschung u. Praxis 404/05: 4-6 [Beilage Ärzte Ztg. vom 11./12. Febr. 2005]). Jetzt erscheint eine weitere Auswertung der WHI**-Studie, einer plazebokontrollierten, randomisierten Studie mit 27.000 50 bis 79 Jahre alten Frauen (a-t 2002; 33: 81- 3), zum Einfluss konjugierter Östrogene (PRESOMEN u.a.) allein oder in Kombination mit Medroxyprogesteron (CLINOFEM u.a.) auf Häufigkeit und Schwere einer Harninkontinenz. Die Studienteilnehmerinnen erhalten zu Beginn der Studie sowie nach einem Jahr einen Fragebogen zu Inkontinenzsymptomen. Sowohl unter kombinierter Östrogen-Gestagen-Einnahme als auch unter Östrogenen allein klagen nach einem Jahr mehr Frauen über neu aufgetretene Inkontinenz als unter Plazebo (Östrogen + Gestagen: 31,2% vs. 22,5%, relatives Risiko [RR] 1,39; 95% Konfidenzintervall [CI] 1,27-1,52; Östrogene allein: 36,5% vs. 23,8%; RR 1,53; 95% CI 1,37-1,71). Dabei erhöht die Hormontherapie sowohl die Rate an Stress- als auch an Dranginkontinenz. Zudem steigern Östrogene allein und in Kombination mit Medroxyprogesteron das Risiko, dass sich bestehende Inkontinenzbeschwerden verschlechtern und die Einschränkung täglicher Aktivitäten zunimmt. Als mögliche Erklärung für die negativen Auswirkungen werden Einflüsse auf das Bindegewebe im Bereich der Harnröhre angeführt (HENDRIX, S.L. et al.: JAMA 2005; 293: 935-48). In die lange Liste der schweren Störwirkungen und Kontraindikationen einer Hormoneinnahme nach den Wechseljahren ist damit auch die Harninkontinenz einzureihen, -Red.

*

HERS = Heart and Estrogen/Progestin Replacement Study

**

WHI = Women's Health Initiative.

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