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Nebenwirkungen

DEMENZ: STERBLICHKEIT UNTER ALLEN NEUROLEPTIKA ERHÖHT

Aus randomisierten klinischen Studien ermittelte die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA vor drei Jahren eine erhöhte Sterblichkeit älterer dementer Patienten, die wegen Verhaltensstörungen oder psychotischer Symptome "atypische" Antipsychotika einnehmen. Spärliche, nicht ausreichend auswertbare Daten wiesen damals auf einen ähnlichen Effekt unter klassischen Neuroleptika hin (a-t 2005; 36: 51-2).

Auf der Grundlage von zwei großen retrospektiven Kohortenstudien,1,2 die über 65- bzw. 66-Jährige in Kanada umfassen, dehnt die FDA die Warnung jetzt auch auf die klassischen Neuroleptika aus. Während diese Untersuchungen von einem ähnlichen oder erhöhten Mortalitätsrisiko unter konventionellen Neuroleptika im Vergleich zu "atypischen" Mitteln ausgehen, hält die FDA eine vergleichende Bewertung aufgrund methodischer Einschränkungen in beiden Studien nicht für möglich.3 Das Risiko scheint bereits in den ersten Wochen der Einnahme zuzunehmen. Todesursachen konnten hier ebenso wie in weiteren Beobachtungsstudien4-6 nicht differenziert ausgewertet werden, betreffen nach der früheren FDA-Analyse zumindest unter "atypischen" Mitteln jedoch vor allem kardiale Komplikationen wie plötzlichen Herztod und Infektionen wie Pneumonie.

Trotz der Gefährdung und der nicht nachgewiesenen oder allenfalls auf Einzelaspekte wie Aggressivität bezogenen bescheidenen Wirksamkeit7 werden Neuroleptika bei demenzbedingten neuropsychiatrischen Problemen immer noch häufig verordnet, vor allem in Pflegeheimen (a-t 2006; 37: 109-10).8-10 Selbst neu an Demenz Erkrankte, die noch zu Hause leben und weder aggressiv noch agitiert oder psychotisch sind, erhalten nach einer amerikanischen Untersuchung Neuroleptika.10

Dass eine antipsychotische Medikation oftmals ohne Nachteile abgesetzt werden kann, lässt jetzt eine kleine Studie aus Norwegen erkennen: Patienten mit demenzbedingten Verhaltensstörungen oder psychotischen Symptomen, die bislang Haloperidol (HALDOL, Generika), Risperidon (RISPERDAL, Generika) oder Olanzapin (ZYPREXA, Generika) einnahmen, gebrauchen die Neuroleptika randomisiert entweder weiter (28 Patienten) oder setzen sie abrupt ab (27 Patienten). Obwohl die Mittel nicht ausgeschlichen werden, sind vier Wochen nach Absetzen immer noch 23 (85%) von 27 ohne Neuroleptika (primärer Endpunkt). Zudem unterscheidet sich die neuropsychiatrische Symptomatik bei Studienende nicht signifikant zwischen den Gruppen.11 Die kleine Studie ist allerdings nicht für diesen Endpunkt gepowert.

Alle Neuroleptika erhöhen die Sterblichkeit dementer Patienten mit Verhaltensstörungen oder psychotischen Symptomen.

Trotz des bereits in den ersten Wochen nach Einnahmebeginn erhöhten Mortalitätsrisikos werden diese Mittel bei Demenz nach wie vor häufig verwendet.

Neuroleptika sollten in dieser Indikation restriktiv nur bei ansonsten nicht beherrschbarer Gefährdung des Patienten selbst oder seiner Umgebung und nur kurzzeitig verordnet werden.

  (R = randomisierte Studie)
 1GILL, S.S. et al.: Ann. Intern. Med. 2007; 146: 775-86
 2SCHNEEWEISS, S. et al.: CMAJ 2007; 176: 627-32
 3FDA Alert vom 16. Juni 2008 Information for Healthcare Professionals Antipsychotics, http://www.fda.gov/cder/drug/Infosheets/HCP/antipsychotics_conventional.htm
 4ROCHON, P.A. et al.: Arch. Intern. Med. 2008; 168: 1090-6
 5TRIFIRÒ, G. et al.: Pharmacoepidemiol. Drug Saf. 2007; 16: 538-44
 6WANG, P.S. et al.: N. Engl. J. Med. 2005; 353: 2335-41
 7BALLARD, C. et al.: Atypical antipsychotics for aggression and psychosis in Alzheimer's disease. The Cochrane Database of Systematic Reviews 2008, Issue 2; Stand Febr. 2006
 8Medix Market Res. Report, Antipsychotics in Dementia Study, Juni 2008; http://news.bbc.co.uk/1/shared/bsp/hi/pdfs/17_06_08_fo4_questions.pdf
 9EATON, L.: BMJ 2008; 336: 983
 10DHAWAN, N. et al.: Prim. Care Companion J. Clin. Psychiatry 2008; 10: 97-102
R11RUTHS, S. et al.: Int. J. Geriatr. Psychiatry 2008; publ. am 27. Feb. 2008

© 2008 arznei-telegramm, publiziert am 4. Juli 2008

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