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ATYPISCHE FEMURFRAKTUREN UNTER BISPHOSPHONATEN

In die US-amerikanischen Produktinformationen von Bisphosphonaten zur Behandlung der Osteoporose soll jetzt ein Warnhinweis vor möglichen atypischen Femurschaftfrakturen unter den Mitteln aufgenommen werden.1 Damit folgt die Arzneimittelbehörde FDA der Empfehlung einer von der amerikanischen Gesellschaft für Knochen- und Mineralforschung einberufenen internationalen multidisziplinären Arbeitsgruppe, die kürzlich eine umfassende Literaturauswertung zu dem Thema vorgelegt hat.2 Seit einigen Jahren werden solche Frakturen vor allem unter Langzeiteinnahme von Bisphosphonaten berichtet (a-t 2005; 36: 59-60). Die Brüche sind unterhalb der Trochanter und im Schaftbereich des Oberschenkelknochens lokalisiert, treten ohne oder nach minimalem Trauma auf und verlaufen transvers oder schräg. Trümmerfragmente, wie sie für die typischen, durch starke Gewalteinwirkung verursachten Femurschaftfrakturen charakteristisch sind, fehlen. Mindestens jeder zweite der in der Literatur beschriebenen Patienten klagt Wochen bis Monate vor dem Bruch über Schmerzen in der Region. Bei jedem Vierten kommt es auch im anderen Bein zu einer Fraktur. Bei 26% der Betroffenen, die daraufhin nachuntersucht wurden, ist die Heilung verzögert.2,3

Atypische Frakturen kommen auch bei Patienten ohne Bisphosphonate vor. Bei der Mehrzahl in den Literaturberichten, die die internationale Arbeitsgruppe erfasst hat (291 von 310), ist der Bruch jedoch in Verbindung mit der Anwendung eines Bisphosphonats aufgetreten. Gleichzeitige Einnahme von Glukokortikoiden scheint das Risiko weiter zu erhöhen.2 Die Häufigkeit ist unbekannt. Nach Schätzung der FDA machen atypische Frakturen weniger als 1% aller Hüft- und Oberschenkelbrüche aus.1 Auch nach vorläufigen Daten einer US-amerikanischen Beobachtungsstudie sind die Frakturen selten, ihre Häufigkeit scheint aber mit der Dauer des Bisphosphonatgebrauchs zuzunehmen, von 2 pro 100.000/ Jahr in den ersten beiden Jahren auf 78 pro 100.000/Jahr nach acht Anwendungsjahren.2 Bei den meisten Patienten in Literaturberichten geht dem Bruch eine Anwendungsdauer von mehr als fünf Jahren voraus.3 Dem steht gegenüber, dass ein frakturmindernder Nutzen in randomisierten kontrollierten Studien mit Bisphosphonaten bei postmenopausaler Osteoporose nur für drei (bis vier) Jahre nachgewiesen ist (a-t 2007; 38: 23). Studien zur glukokortikoidinduzierten Osteoporose sind noch kürzer.2 Die FDA will in die Fachinformationen jetzt auch einen Passus über die ungeklärte optimale Therapiedauer aufnehmen lassen.1

Die meisten Patienten in Literaturberichten zu atypischen Frakturen haben Alendronat (FOSAMAX, Generika) eingenommen, dessen Fachinformation hierzulande bereits einen entsprechenden Hinweis enthält.4 Atypische Frakturen sind aber auch unter anderen Bisphosphonaten wie Risedronat (ACTONEL, Generika) beschrieben.2

Um die Erforschung des Krankheitsbildes zu erleichtern, fordert die internationale Arbeitsgruppe einen eigenen diagnostischen Code und die Einrichtung eines internationalen Registers für atypische Frakturen.2 Ärzte und Patienten sollen das mögliche Risiko kennen. Bei neu auftretenden Schmerzen im Bereich der Leiste oder des Oberschenkels unter Bisphosphonaten sollen die Patienten auf eine Femurfraktur hin untersucht werden. Bei Vorliegen einer solchen Fraktur sollen starke antiresorptive Osteoporosemittel wie Bisphosphonate abgesetzt werden.1

∎  Bisphosphonate wie Alendronat (FOSAMAX, Generika) stehen im Verdacht, bei Langzeitanwendung selten atypische Femurschaftfrakturen auszulösen, die nach minimalem oder ohne Trauma und häufig beidseits auftreten.

∎  Ärzte und Patienten sollen das Risiko und die möglichen Prodromi, Schmerzen im Bereich der Leiste und des Oberschenkels, kennen.

∎  Da atypische Frakturen unter Bisphosphonaten überwiegend nach mehr als fünfjähriger Anwendung auftreten, ein frakturmindernder Nutzen in randomisierten kontrollierten Studien bei postmenopausaler Osteoporose aber nur für drei (bis vier) Jahre nachgewiesen ist, raten wir beim derzeitigen Kenntnisstand dazu, die Einnahme bei den Frauen auf diesen Zeitraum zu begrenzen. Die optimale Dauer bleibt zu klären.

∎  Auch bei glukokortikoidinduzierter Osteoporose bleibt die optimale Dauer der Bisphosphonattherapie zu klären.

1 FDA: Drug Safety Communication: Safety update for osteoporosis drugs, bisphosphonates and atypical fractures, 13. Oktober 2010 http://www.fda.gov/Drugs/DrugSafety/ucm229009.htm
2 SHANE, E. et al.: J. Bone Miner. Res. 2010; online publ. am 14. Sept. 2010
3 American Society for Bone and Mineral Research: Presseerklärung vom 14. Sept. 2010; http://www.asbmr.org/About/PressReleases/Detail.aspx?cid=a 68f2b70-a117-4094-9f6f-b5993c6a6149
4 MSD: Fachinformation FOSAMAX, Stand Nov. 2009

© 2010 arznei-telegramm, publiziert am 5. November 2010

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