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Im Blickpunkt

WER HAT SICH WEN EINVERLEIBT?
Wenn Big Pharma shoppen geht...

Seit Jahren sind Megafusionen von Pharmaherstellern an der Tagesordnung. Die japanische Nummer eins Takeda kauft soeben den Schweizer Konzern Nycomed, der erst 2006 Altana geschluckt hat. Und der israelische Generikakonzern Teva, der durch die Übernahme von ratiopharm und anderen Generikafirmen erst vor einem Jahr in Deutschland so richtig angekommen ist, greift nach dem US-Biotech-Unternehmen Cephalon (vgl. Tabelle, (Seite 50).

Solche Übernahmen kommen nicht von ungefähr. Die pharmazeutische Industrie sieht sich in der Klemme: Die Kosten für die Entwicklung neuer Arzneimittel sind beträchtlich, wenn auch nicht annähernd so hoch wie von ihr mantrahaft behauptet wird (a-t 2011; 42: 41-3). Und die Pipelines der Unternehmen sind oft nur dürftig mit neuen Wirkstoffen gefüllt - zu dürftig, um die Umsatzrückgänge auszugleichen, die durch anstehende Patentabläufe drohen. Die in der Branche verbreiteten Nettogewinne von 15% des Umsatzes und mehr sind somit in Gefahr. Die Diagnose ist selbst aus Firmensicht eindeutig: "Unsere Industrie braucht zu lange, gibt zu viel aus und schafft zu wenig", stellt Lilly-Chef LECHLEITER fest.1 Wirklich relevante Fortschritte sind rar. Die Forschungsabteilungen fördern in letzter Zeit - wenn überhaupt - graduelle Fortschritte zutage, von der Industrie programmatisch als "Schrittinnovationen" hochgehalten. Bei unabhängiger Bewertung erweisen sich diese aber fast regelhaft als Me-too-Präparate, also als Varianten ohne besonderen Stellenwert. Und dies in einer Zeit, in der zunehmend im Blickpunkt steht, ob die neuen Mittel für ihr Geld auch tatsächlich Fortschritte bringen.

Neue Geschäftsmodelle müssen her. Was liegt näher, als Firmen einzukaufen, die kommerziell interessante Projekte vorantreiben, gerne auch aus dem Bereich der Biotechnologie oder der Diagnostik? Von besonderem Interesse sind Firmen, die an biochemischen Prozessen arbeiten, die Basis für verschiedene Therapien sein können. Der Anschluss an den Biotechnologiebereich verheißt inzwischen mehr Gewinn als die Vermarktung konventioneller Arzneimittel, die in vergangenen Jahrzehnten die üppigsten Gewinne abwarfen, heute aber fast schon als Auslaufmodell erscheinen. Hoffnungen setzen Firmen auf Synergien, beispielsweise auf neue Märkte, die über Ankäufe erschlossen werden können. Dies mag in einigen Bereichen funktionieren. So soll Nycomed in Schwellenländern deutlich besser etabliert sein als der Käufer Takeda. Andere Arzneimittelfirmen setzen auf die Koppelung mit dem Diagnostikageschäft. Was dies bringt, macht Roche vor: Der Konzern verdient am Antikörper Trastuzumab (HERCEPTIN), der bei Krebs verwendet wird, wenn dieser HER2 überexprimiert. Zusätzlich profitiert der Konzern über die zugekaufte Biotechfirma Genentech, die den zugehörigen HER2-Gentest anbietet. Was bleibt aber, wenn die derzeit experimentell und innovativ arbeitenden, meist noch jungen Biotechnologiefirmen und andere Unternehmen geschluckt und einverleibt worden sind? Werden die aufgepeppten Altkonzerne dadurch produktiver? Zweifel sind angebracht.

Weitere Informationen per e a-t im Internet

Des Öfteren werden wir gefragt, zu welchem Konzern die eine oder andere Firma gehört. Zweimal haben wir bereits Wegweiser durch Pharmakonzerne veröffentlicht (a-t 1995; Nr. 8: 84-5 und 2005; 36: 53-4). Da diese inzwischen veraltet sind, haben wir unseren Kenntnisstand aktuell aufgearbeitet. Einen ersten Überblick gibt die Tabelle auf dieser Seite. Umfangreiche weitere Informationen finden Sie im e a-t-Bereich über unsere Startseite im Internet unter http://www.arznei-telegramm.de (–> Bereich für Abonnenten –> e a-t), insbesondere zu
∎   Muttergesellschaften und ihren Töchtern (ausführliche Version der auf dieser Seite abgedruckten Tabelle),
∎   Tochterfirmen und zugehörigen Muttergesellschaften,
∎   Firmen, die vom Markt verschwunden sind und in welchen Konzernen sie aufgegangen sind: von Abtei bis Zyma.

Den Firmenzusammenschlüssen folgen rasch Entlassungen, und dies nicht nur bei Verwaltung und dem Marketing, sondern auch in Forschungsabteilungen. Als Pfizer 2009 für 68 Milliarden Dollar Wyeth kaufte, sollten 15% der Mitarbeiter des Gesamtkonzerns gehen.2 "Pfizer schluckt Wyeth - die Mitarbeiter schlucken auch",3 kommentiert ein Blogger. Und wenn Pfizer jetzt für 3,6 Milliarden Dollar in bar das Nischenunternehmen King Pharma kauft, mag dies akut das Schmerztherapiegeschäft des Konzerns beflügeln. Kurz darauf kündigt der Pharmariese aber an, den Etat für Forschung und Entwicklung 2012 um 6 Milliarden Dollar kürzen zu wollen und Forschungsstandorte wie in Sandwich (UK) zu schließen. Auch das bedeutet den Verlust von mehreren Tausend Arbeitsplätzen. Berichten zufolge will Pfizer zudem Forschungskapazitäten, etwa im Antibiotikabereich, nach China auslagern.4 Auch andere Firmen wie einer der Großmeister des Zukaufs, die Novartis GmbH, kündigen Stellenstreichungen im fünfstelligen Bereich an. Dies gilt ebenso für die Bayer AG, die vor fünf Jahren Schering übernommen hat.

Bei mancher strategischen Entscheidung zu Firmenzusammenschlüssen könnten weniger medizinisch/pharmazeutischer Sachverstand oder nachhaltige Firmenstrategien dahinter stehen, als vielmehr Interessen von Finanzinvestoren. Diese halten zum Teil beträchtliche Anteile an Pharmaunternehmen, ohne dass dies öffentlich hinreichend wahrgenommen wird (z.B. Credit Suisse, Nordic Capital, Coller Partners u.a. an Nycomed5 oder die 3i Group als internationale Private Equity Gesellschaft).

Insgesamt scheint die Tendenz zu immer größeren Konzernen nicht die erhoffte Problemlösung zu sein, sondern eher in eine Sackgasse zu führen, die allenfalls Managern und Aktionären kurzfristig die erhofften Mehrumsätze bringt. Die zuletzt gezahlten Preise für Zukäufe wie Nycomed erscheinen allerdings überhöht. Zudem schrumpft der Pool von Firmen, die noch in Frage kommen. Boehringer Ingelheim könnte aber beispielsweise noch Begehrlichkeiten wecken. Den Strategen der Pharmaindustrie dürfte jedoch längst klar geworden sein, dass es auch für Riesenkonzerne zunehmend schwierig wird, Milliarden-Seller, die oft mit dem schrecklichen Wort "Blockbuster" bezeichnet werden, aufzubauen. Alternativ wird vielfach auf die Entwicklung von Arzneimitteln gegen seltene Erkrankungen und von Biologika zur Behandlung von Krebs und chronischen Erkrankungen gesetzt. In diesen Segmenten lassen sich derzeit noch extrem hohe Preise realisieren. Diesem Konzept entspricht, dass Sanofi-Aventis soeben Genzyme übernommen hat, einen Biotechkonzern, der sich auf Orphan Drugs mit hohen Gewinnmargen spezialisiert hat. Aber die Pharmamanager wissen, dass sie mit solchen hochpreisigen Innovationen rasch an die Grenzen der Finanzierbarkeit der nationalen Gesundheitssysteme stoßen.

1 Reuters: "Lilly CEO LECHLEITER Calls for Repair of the ‚Engine of Biopharma Innovation'", 30. Okt. 2009
2 Wall Street Journal: Blog vom 20. Okt. 2009
3 strappato: Stationäre Aufnahme (gesundheit.blogger.de) vom 26. Jan. 2009
4 Scrip vom 11. März 2011, Seite 1 und vom 25. März 2011, Seite 1 plus 3
5 Scrip vom 27. Mai 2011, Seite 20

© 2011 arznei-telegramm, publiziert am 3. Juni 2011

Autor: Redaktion arznei-telegramm - Wer wir sind und wie wir arbeiten

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