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Korrespondenz

RABATTIERTE GRIPPEIMPFSTOFFE: ENGPÄSSE IN WEITEREN BUNDESLÄNDERN

Die Rabattverträge der Grippeimpfung (a-t 2012; 43: 81-2) wirken sich sichtlich auch auf andere Bundesländer aus. Wir in Baden-Württemberg haben jetzt die Nachricht unserer Apotheke, dass vorerst überhaupt keine Grippeimpfstoffe mehr lieferbar sind. Wie kann das denn sein?

Dr. med. C. CERTAIN (Facharzt für Innere Medizin)
D-78464 Konstanz
Interessenkonflikt: keiner

Versorgungsengpässe bei Grippeimpfstoffen betrafen zunächst nur die Regionen Bayern, Hamburg und Schleswig-Holstein, in denen die Krankenkassen einen Rabattvertrag mit der Firma Novartis abgeschlossen haben, die den Vertragsimpfstoff BEGRIPAL ohne Kanüle seit Wochen nicht liefern kann (a-t 2012; 43: 81-2). Nachdem Anfang Oktober erst Bayern und am 11. Oktober auch die beiden Nordländer den Vertrag aussetzten und die Anwendung von Ersatzimpfstoffen bis zur Lieferfähigkeit von BEGRIPAL erlaubten (blitz-a-t vom 12. Oktober 2012), fehlten dort knapp 2 Mio. (Bayern)1 bzw. 750.000 (Region Nordwest*)2 Impfstoffdosen. Da andere Hersteller jedoch auf die Produktion großer Mengen für Bayern und den Norden verzichtet haben, nachdem Novartis dort die diesjährige Ausschreibung gewonnen hatte, gibt es nun offenbar nicht genügend Ersatzimpfstoffe. In der Folge kommt es zu Lieferproblemen auch in anderen Bundesländern, z.B. in Baden-Württemberg3 und dem Saarland.4

Der Rückruf mehrerer Chargen der Novartis-Impfstoffe BEGRIPAL mit Kanüle und FLUAD, insgesamt 750.000 Dosen,5 verschärft die Situation zusätzlich (blitz-a-t vom 25. Oktober 2012). In Vorstufen der betroffenen Impfstoffe waren Verklumpungen entdeckt worden, bei denen es sich um Eiweißbestandteile des Impfstoffes handeln soll.6 Daraufhin hatten mehrere europäische Länder sowie Kanada die Auslieferung von Grippeimpfstoffen von Novartis vorübergehend gestoppt oder einzelne Chargen zurückgezogen. Das Paul-Ehrlich-Institut begründet die Maßnahme damit, dass nicht auszuschließen sei, dass es auch in den zurückgerufenen Chargen zu Ausflockungen gekommen ist oder noch gekommen wäre, da sich diese nach aktuellem Kenntnisstand im Endprodukt offenbar erst im Verlauf der Lagerung ausbilden. Aufgrund der „Erfahrungen, die mit einem anderen Impfstoff, in dem nicht sichtbare Aggregate aufgetreten waren, gemacht wurden,”6** hält die Behörde innerhalb von Stunden nach der Impfung auftretende schwere Lokal- oder allergische Reaktionen bis hin zum Schock für möglich.5 Während die Schweiz und Kanada den dort verhängten Vertriebsstopp inzwischen aufgehoben haben, sollen hierzulande die zurückgerufenen Chargen schon wegen Unterbrechung der Kühlkette definitiv nicht wieder in den Handel kommen können.7

Die Kassen setzen trotz anhaltender Lieferprobleme auch für die Zukunft auf Ausschreibungen für Impfstoffe, da sich das Modell aus ihrer Sicht bewährt hat.8 Laut AOK-Bundesverband sei es gar den Rabattverträgen zu verdanken, dass Novartis nur in zwei Regionen den Zuschlag erhalten habe und die Lieferschwierigkeiten und Qualitätsprobleme der Firma daher nicht in ganz Deutschland zu Problemen bei der Impfstoffversorgung führten.9 „Bei versorgungsrelevanten Rabattverträgen” sollten allerdings „möglicherweise (sic!) schärfere Anforderungen an die Lieferfähigkeit gestellt werden,” so ein Sprecher der AOK Nordwest.8 Dort wünscht man sich zudem, dass nicht lieferfähige Bieter später keine Forderungen stellen können. Für die diesjährige Ausschreibung kommt dieser Wunsch jedoch zu spät: Novartis prüft wegen der Aussetzung der Exklusivverträge in Hamburg und Schleswig-Holstein derzeit „alle rechtlichen Optionen”.10

1 Bayerischer Apothekerverband e.V.: Rundschreiben vom 8. Okt. 2012
2 Hamburger Apothekerverein e.V.: Rundschreiben vom 18. Okt. 2012
3 KV Baden-Württemberg: Presseerklärung vom 26. Okt. 2012
4 KV und Apothekerkammer des Saarlandes: Pressemitt. vom 22. Okt. 2012
5 Paul-Ehrlich-Institut: Fragen und Antworten zur Rücknahme der Freigabe einiger Chargen der Grippeimpfstoffe Begripal und Fluad, Stand 30. Okt. 2012, zu finden unter http://www.pei.de
6 Paul-Ehrlich-Institut: Schreiben vom 5. Nov. 2012
7 DAZ online vom 1. Nov. 2012: Zurückgezogene Vakzine kehren nicht auf deutschen Markt zurück
8 Apotheke adhoc vom 16. Okt. 2012: Kassen verteidigen Impfstoff-Ausschreibung
9 Apotheke adhoc vom 27. Okt. 2012: Kassen: Rabattverträge haben Schlimmeres verhindert
10 NDR 1 Welle Nord: Grippe-Impfstoff: Novartis wehrt sich, 14. Okt. 2012 http://www.ndr.de/regional/schleswig-holstein/grippe117.html>

* Abzüglich der geringen Mengen BEGRIPAL mit Kanüle und OPTAFLU, die Novartis ersatzweise geliefert hat, wobei allerdings OPTAFLU von vielen Ärzten und Patienten abgelehnt wurde.2
** Um welches Präparat es sich handelt, teilt das PEI nicht mit.

© 2012 arznei-telegramm, publiziert am 9. November 2012

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