Die Information für Ärzte und Apotheker
Neutral, unabhängig und anzeigenfrei
arznei-telegramm®Die unabhängige Information zur Arzneitherapie.
Bestellen Sie ein Probeabo
vorheriger Artikela-t 2013; 44: 52nächster Artikel
Korrespondenz

MISTELTHERAPIE BEI KREBS: WIE IST DER STAND DER KENNTNIS?

Die Aussagen des arznei-telegramm zur Misteltherapie waren immer wieder klar und kritisch, sind aber ein paar Jahre alt. … Gibt es neuere Literatur, die einen Nutzen der Misteltherapie belegt? Ich denke, dieses Thema ist immer noch aktuell und dürfte auch viele andere Ärzte interessieren.

Dr. med. J. SEFFRIN (Facharzt für Allgemeinmedizin)
D-64331 Weiterstadt
Interessenkonflikt: keiner

Die meistverordneten Mistelzubereitungen bei Tumoren, z.B. ISCADOR, gehören zu den Arzneimitteln der anthroposophischen Medizin, einem Zweig der so genannten besonderen Therapierichtungen. Arzneimitteln der besonderen Therapierichtungen räumt das deutsche Arzneimittelgesetz einen Sonderstatus ein: Sie können auch ohne umfassende Prüfung von Wirksamkeit und Sicherheit zugelassen werden. Außerhalb des deutschsprachigen Raums haben Mistelpräparate in der Krebstherapie kaum Bedeutung.1,2 Die Verordnungen gehen aber auch in Deutschland seit Jahren zurück, zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherungen von 11 Millionen definierten Tagesdosen im Jahr 2008 auf 6,6 Millionen in 2011.3,4 Erstattungsfähig sind die rezeptfreien Präparate nur in der palliativen Tumortherapie zur Verbesserung der Lebensqualität.2,5

Als Wirkmechanismen des Extrakts bei Krebs werden unter anderem immunstimulierende und zytotoxische Effekte seiner Inhaltsstoffe, vor allem der Lektine und Viskotoxine, diskutiert. Dass die immunstimulierenden Effekte die Tumorabwehr verbessern, ist jedoch nicht belegt. In vitro sind zudem in einer Studie auch tumorwachstumsfördernde Wirkungen von Mistellektin beobachtet worden.6

Mistelzubereitungen gehören zu den am häufigsten in Studien untersuchten alternativen Therapiemethoden bei Krebs. Viele der vorliegenden randomisierten kontrollierten Studien haben aber beträchtliche Qualitätsmängel. In einem 2008 publizierten Cochrane Review werden 21 Studien zur Krebstherapie mit insgesamt 3.484 Patienten ausgewertet. In sechs von 13 Studien gibt es danach Hinweise auf einen Überlebensvorteil unter Mistel. Alle sechs sind qualitativ mangelhaft, an fünf Studien haben jeweils weniger als 100 Patienten teilgenommen. Dagegen hat der Extrakt nach drei größeren qualitativ höherwertigen Studien keinen günstigen Einfluss auf die Sterblichkeit.7

Von 16 Studien, die die Lebensqualität oder ähnliche subjektive Parameter prüfen, finden sich in 14 Studien Hinweise auf einen günstigen Effekt der Misteltherapie. Nur 2 Studien werden von den Cochrane-Autoren als qualitativ höherwertig eingestuft.7 Dabei handelt es sich um 2 vom Hersteller Madaus gesponserte, in Osteuropa und Russland durchgeführte plazebokontrollierte Doppelblindstudien, an denen 272 bzw. 352 Patientinnen mit operablem Brustkrebs teilnehmen, die nach dem chirurgischen Eingriff eine adjuvante Chemotherapie erhalten.8,9 In der kleineren, 15-wöchigen Dosisfindungsstudie verbessert sich die Lebensqualität während der Chemotherapie nur unter der mittleren Dosis von 30 ng/ml Mistellektin pro Woche.8 In der größeren Studie wird der die Lebensqualität fördernde Effekt dieser Dosis von derselben Arbeitsgruppe erneut beobachtet.9 Grundsätzlich erschweren die häufigen Injektionsreaktionen auf Mistelpräparate die verzerrungsfreie Erhebung der Lebensqualität jedoch auch in doppelblind angelegten Studien. Zu Recht fordern die Cochrane-Autoren weitere unabhängige Forschung zur Misteltherapie und eine Bestätigung der Ergebnisse.7 Aussagekräftige Studien sind seit Publikation der Cochrane-Übersicht unseres Wissens nicht hinzugekommen. Auch nach aktueller Einschätzung des US-amerikanischen National Cancer Institute reicht die Evidenz nicht aus, um eine Therapie von Krebspatienten mit Mistelzubereitungen außerhalb von Studien empfehlen zu können.6

Nach unserer Einschätzung lässt die Datenlage auch eine belastbare Aussage über die Unbedenklichkeit von Mistelextrakten bei Krebs nicht zu. So kann unseres Erachtens aufgrund der vorliegenden Studien eine Steigerung der Sterblichkeit durch diese Therapie nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Nebenwirkungen dürften nur unzuverlässig erfasst sein, da die Überwachung seit Jahrzehnten praktisch ausschließlich in den Händen von Arzneimittelbehörden liegt, die sich nicht durch eine konsequente Pharmakovigilanz auszeichnen (vgl. a-t 2013; 44: 47-8, siehe auch Seite 55). Zu den häufigen unerwünschten Wirkungen gehören Reaktionen an der Injektionsstelle, Kopfschmerzen, Fieber und Schüttelfrost. Beschrieben sind aber auch schwere allergische Reaktionen einschließlich anaphylaktischem Schock.6

∎  Nutzen und Unbedenklichkeit von Mistelzubereitungen (ISCADOR u.a.) bei Krebs sind nach wie vor unzureichend belegt.

∎  Wir erachten ihre Nutzen-Schaden-Bilanz weiterhin als negativ. Außerhalb kontrollierter klinischer Studien sollten die Mittel nicht verwendet werden.

  (R =randomisierte Studie)
1 SWEETMAN, S.C. et al. (Hrsg.): „Martindale. The Complete Drug Reference”, 37. Aufl., Pharmaceutical Press, London/Chicago 2011, Seite 2573
2 Deutsches Krebsforschungszentrum: Misteltherapie, Stand 23. Okt. 2012 http://www.krebsinformation.de/behandlung/mistel.php
3 ZELLER, W.J., in: SCHWABE, U., PAFFRATH, D. (Hrsg.): „Arzneiverordnungs-Report 2009”, Springer-Verlag GmbH, Seite 621-35
4 ZELLER, W.J., in: SCHWABE, U., PAFFRATH, D. (Hrsg.): „Arzneiverordnungs-Report 2012”, Springer-Verlag GmbH, Seite 679-96
5 G-BA: Arzneimittelrichtlinie, Anlage I, Stand Apr. 2013; http://www.g-ba.de/downloads/83-691-314/AM-RL-I-OTC_2013-04-05.pdf
6 National Cancer Institute: Mistletoe Extracts, Stand Mai 2013 http://www.cancer.gov/cancertopics/pdq/cam/mistletoe/HealthProfessional/page1/AllPages/Print
7 HORNEBER, M. et al.: Mistletoe Therapy in Oncology. The Cochrane Database of Systematic Reviews, Stand Febr. 2008, Zugriff Juni 2013
R  8 SEMIGLASOV, V.F. et al.: Anticancer Res. 2004; 24: 1293-302
R  9 SEMIGLAZOV, V.F. et al.: Anticancer Res. 2006; 26: 1519-30

© 2013 arznei-telegramm, publiziert am 7. Juni 2013

Diese Publikation ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigung sowie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen ist nur mit Genehmigung des arznei-telegramm® gestattet.