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Im Blickpunkt

DIABETISCHE NEUROPATHIE –
EIN FALL FÜR LIPONSÄURE (THIOCTACID U.A.)?

In den 70er Jahren galt Liponsäure (THIOCTACID u.a.) als "körpereigene Substanz zur globalen Aktivierung hepatischer Enzymsysteme" (vgl. Arzneimittelkursbuch '92/93, Seite 1071). Heute wird der früher Thioctsäure genannte Stoff mit Koenzymfunktion in der oxidativen Dekarboxylierung ausschließlich "gegen Mißempfindungen bei diabetischer Polyneuropathie" empfohlen. Diese Indikation gilt offenbar nur in deutschsprachigen Ländern (Deutschland, Österreich). Weltweit wurde Liponsäure bei Akne, Hepatopathien, nekrotisierender Enzephalopathie, Pilzvergiftung und AIDS erprobt. Im englischsprachigen und nordischen Raum wird Liponsäure nicht angeboten.

Bei Ratten ließ sich kein Einfluß auf die Regeneration geschädigter Nerven nachweisen.1 In drei prospektiven, randomisierten kontrollierten Doppelblindstudien bessert Liponsäure weder per os noch intravenös objektive bzw. klinische Zeichen der diabetischen Polyneuropathie (Nervenleitgeschwindigkeit, Parästhesie; vgl. Tabelle).2,3,4 In einer unkontrollierten Nachfolgestudie wird eine "deutliche Besserung subjektiver Beschwerden" mitgeteilt, objektive Parameter blieben jedoch unverändert.2 Ähnliche Formulierungen finden sich im Abstract einer Studie an 22 Diabetikern.5 Auch hier bleibt der Nachweis objektiver Effekte der hochdosierten intravenösen Gabe von täglich 600 mg Liponsäure über 21 Tage aus. Die im Abstract behaupteten subjektiven Wirkungen lassen sich aus den spärlichen Daten nicht nachvollziehen.5

Unter Plazebo beträgt die spontane Remissionsrate neuropathischer Beschwerden von Diabetikern bis zu 50%.6,7 Fachgesellschaften setzen die Kriterien für die Beurteilung von Mitteln zur Behandlung der diabetischen Neuropathie daher sinnvollerweise hoch an. Ungeachtet dessen rühren in einer als "Verlagsbeilage" bezeichneten Werbebroschüre "anerkannte Meinungsbildner"8 die Werbetrommel: "Ich würde Thioctsäure drei Wochen intravenös hochdosiert – 600 bis 1.000 mg/Tag – verabreichen... Thioctsäure ist früher sicher immer unterdosiert worden!" (H. MEHNERT).9 Wer dieser Empfehlung folgt, verursacht ohne Nutzenbeleg Medikamentenkosten bis zu 1.600 DM für drei Wochen. 1992 verkauften Apotheken Liponsäure-Präparate im Wert von 130 Mio. DM.

Die Propaganda für die medikamentöse Behandlung der diabetischen Neuropathie "zur Vorbeugung des diabetischen Fußes" lenkt von der einzigen wirksamen Prophylaxe ab, der Optimierung der Stoffwechseleinstellung durch Diät, Diabetes-Schulung, Blutzuckerselbstkontrollen und intensivierte Diabetes- Therapie (vgl. a-t 8 [1993], 78). Bei diabetischen Fußläsionen kommt es auf Druckentlastung, Wundtoilette und rechtzeitige systemische Antibiotikatherapie an (vgl. a-t 5 [1992], 49). Zur Schmerzlinderung kann Carbamazepin (TEGRETAL u.a.) versucht werden.

FAZIT: Die diabetische Polyneuropathie läßt sich bisher nur durch Optimierung der Stoffwechseleinstellung vermeiden und im Frühstadium behandeln. Liponsäure (= Thioctsäure, THIOCTACID u.a.), die lediglich bei "Mißempfindungen" in Verbindung mit der Neuropathie angeboten wird, bleibt in Doppelblindstudien ohne objektiven Nutzen.10


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