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"GLATZEN"-MITTEL FINASTERID (PROPECIA)

Die medikamentöse Behandlung Gesunder macht Fortschritte: Seit Januar wird auch in Deutschland der 5α-Reduktasehemmer Finasterid als Haarwuchsmittel (PROPECIA) angeboten (vgl. a-t 10 [1997], 106; 7 [1998], 67).

WIRKSAMKEIT: Bei zwei von drei Männern zwischen 18 und 41 Jahren mit leichter bis mäßig ausgeprägter androgenetischer Alopezie vor allem im Scheitelbereich wächst das Kopfhaar während zweijähriger Einnahme von täglich 1 mg Finasterid wieder verstärkt. Die Haarmenge nimmt nach zwei Multizenterstudien mit insgesamt 1.500 Teilnehmern im ersten Jahr um durchschnittlich 10% zu. Im zweiten Jahr stellt sich ein Plateau ein. Die einmal erreichte Haar-"fülle" wird gehalten, aber nicht weiter verbessert. Bei denjenigen, die nach einem Jahr in die Plazebogruppe wechseln, sinkt die Haarzahl in den folgenden zwölf Monaten unter das Ausgangsniveau.1 Haarverlust im Stirnbereich lässt sich nach einer nur als Abstract vorliegenden Studie noch weniger durch Finasterid aufhalten.2,3 Bei älteren Männern, die den 5α-Reduktasehemmer wegen Prostataadenom einnehmen (PROSCAR; a-t 12 [1994], 114), ist kein Einfluss auf den Haarwuchs dokumentiert.3

VERTRÄGLICHKEIT: 4% der Finasterid-Anwender leiden in den zweijährigen Studien unter Libido- und Erektionsstörungen oder haben ein vermindertes Ejakulatvolumen. 1% brechen deshalb die Einnahme ab.1 Mit Gynäkomastie ist zu rechnen (a-t 3 [1998], 31).

Für das NETZWERK erhielten wir bereits einen ersten Bericht über Gynäkomastie bei einem 54-jährigen, der sieben Monate lang täglich 1 mg Finasterid eingenommen hat (Bericht 9821).

Die Langzeitverträglichkeit von Finasterid, das relativ junge, gesunde Männer jahre- oder jahrzehntelang einnehmen müssten, ist nicht belegt. Welche Folgen die Senkung der Dihydrotestosteronspiegel und die Verschiebung des Hormongleichgewichts in Richtung Östrogene langfristig auf Psyche, Persönlichkeit, Herz, Kreislauf oder Fettstoffwechsel haben, ist nicht bekannt. Langzeitdaten zur Fertilität fehlen.4

Frauen, die schwanger werden können, müssen wegen der möglichen Teratogenität für männliche Feten jeden Kontakt mit dem Wirkstoff meiden und z.B. keinen Tablettenbruch anfassen.5 Finasterid tritt in geringen Mengen in die Samenflüssigkeit über.3 Ein Hinweis auf Schutz der Partnerin vor Kontakt mit Sperma ist in die Fach- und Gebrauchsinformation für PROPECIA nicht aufgenommen worden4,5 und fehlt neuerdings auch in der für das 5 mg Finasterid enthaltende Prostatamittel PROSCAR.6 Die Unbedenklichkeit meint der Hersteller dadurch belegen zu können, dass er auf eine Studie mit 13 gesunden männlichen Nachkommen von Rhesusaffen verweist, die während der Organentwicklung Injektionen mit bis zu 0,8 µg Finasterid erhielten.7,8 Diese Dosis soll einem Vielfachen der in den Samen übergehenden Wirkstoffmenge entsprechen.8 Es fällt jedoch eine höhere Rate nicht beendeter Trächtigkeiten unter Finasterid-Injektionen (5 [16%] von 31) im Vergleich zu den Kontrollen (1 [6%] von 17) auf.

KOSTEN: 98 PROPECIA-Tabletten kosten 374 DM. Damit realisiert die Firma MSD einen "Aufschlag" für das Lifestyle-Arzneimittel von über 500%: Für 1 mg Wirkstoff als PROPECIA sind 3,82 DM aufzuwenden, als PROSCAR 0,60 DM. Wer glaubt, mit einem Tablettenteiler Kosten sparen zu können, sieht sich getäuscht. MSD hat vorgesorgt und bietet PROSCAR in einer eiförmigen Tablettenform an, die ein kalkulierbares Teilen unmöglich macht.

FAZIT: Jeder zweite Mann über 50 neigt zur Glatzenbildung. Der Haarwuchsförderer Finasterid (PROPECIA) wird diesen Männern jedoch nicht mehr helfen können. Für über 41-jährige ist er nicht zugelassen und auch kein Nutzen belegt. Mit dem 5-Alpha-Reduktorenhemmer vorzubeugen hieße, dass ein junger, gesunder Mann mit beginnendem Haarausfall über viele Jahre, eventuell lebenslang, ein Arzneimittel einnimmt, das in den Hormonhaushalt eingreift und dessen langfristige Verträglichkeit, einschließlich der Wirkung auf Psyche und Persönlichkeit, unbekannt ist. Wegen des möglichen teratogenen Risikos dürfen Schwangere noch nicht einmal Tablettenbruch berühren. Offene Fragen zur Unbedenklichkeit Finasterid-haltigen Spermas stellen Anwender des Haarwuchsmittels möglicherweise vor die Alternativentscheidung: Haare oder Kinder? Die Lifestyledroge wird mit jährlichen Kosten von 1.400 DM extrem überteuert angeboten. Wir raten von der Anwendung ab.


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