Die Information für Ärzte und Apotheker
Neutral, unabhängig und anzeigenfrei
arznei-telegramm®Die unabhängige Information zur Arzneitherapie.
Bestellen Sie ein Probeabo
vorheriger Artikela-t 2001; 32: 92-3nächster Artikel
Therapiekritik

METFORMIN (GLUCOPHAGE U.A.): BEDENKLICHE MÄNGEL IN DER FACHINFORMATION

Seit Februar 2001 gibt es in den EU-Mitgliedstaaten eine einheitliche Metformin (GLUCOPHAGE u.a.)-Fachinformation.1 Ein Fortschritt, wenn man bedenkt, wie viele unterschiedliche Versionen allein in Deutschland in Gebrauch sind (a-t 2000; 31: 69), die mit widersprüchlichen Angaben die Therapiesicherheit gefährden.

Die Vereinheitlichung hätte Anlass sein müssen, den insbesondere durch die britische Diabetes-Studie UKPDS* entscheidend veränderten Kenntnisstand zu Metformin angemessen zu berücksichtigen. Ein klinischer Nutzen des Biguanids - Senkung der Herzinfarktrate und Sterblichkeit sowie der Häufigkeit diabetischer Komplikationen - ist nach der UKPDS nur für jüngere übergewichtige Diabetiker und nur innerhalb der engen Grenzen belegt, die durch die Vielzahl der Kontraindikationen gesetzt sind. Die Kombination von Metformin mit Sulfonylharnstoffen führt in dieser Studie jedoch zu einer signifikanten und klinisch bedeutsamen Zunahme der Mortalität (a-t 1998; Nr. 10: 88-90).2 In der harmonisierten Fassung der Metformin-Fachinformation wird dieser Kenntnisstand an entscheidenden Punkten ignoriert. Patienten werden so einer potenziell riskanten Therapie ausgesetzt:

 Die Fachinformation sieht eine Höchstdosis von täglich 3 g Metformin vor. In der UKPDS waren jedoch maximal dreimal 850 mg (= 2.550 mg) pro Tag erlaubt. Höhere Dosierungen haben keinen nachgewiesenen zusätzlichen Nutzen, steigern aber das (dosisabhängige) Risiko lebensbedrohlicher Laktatazidosen.

 Unter den Indikationen ist die Anwendung von Metformin in Kombination mit anderen oralen Antidiabetika vorgesehen. Zwar wird eingeräumt, dass ein klinischer Vorteil der gleichzeitigen Verwendung von Sulfonylharnstoffen nicht belegt ist. Die Sicherheitsbedenken, die sich aus der UKPDS und anderen Studien ergeben (a-t 1997; Nr. 1: 14),2-5 werden jedoch unterschlagen: In der UKPDS steigern Metformin plus Sulfonylharnstoff das Sterblichkeitsrisiko im Verlauf von zehn Jahren gegenüber Sulfonylharnstoff allein um etwa 60% (von 11,5% auf 17,5%; Number needed to harm = 17).2 Dies deckt sich mit Daten aus USA und Schweden. Sechs von sieben Todesfällen, die in US-amerikanischen Studien zu Metformin beobachtet wurden, traten unter gleichzeitiger Einnahme eines Sulfonylharnstoffs ein.3,4 Nach einer schwedischen epidemiologischen Studie erhöht sich die Sterblichkeit unter der Kombination gegenüber Sulfonylharnstoff allein um 63%, bedingt vor allem durch Steigerung der kardiovaskulären Mortalität.5 Studien, die die Unbedenklichkeit der Kombination belegen, gibt es nicht.

 Unter den Gegenanzeigen ist keine Altersbegrenzung angegeben. Senkung von Morbidität und Mortalität durch Metformin ist aber nur bei Therapiebeginn bis zu einem Alter von 65 Jahren belegt. Da andererseits die Häufigkeit der Kontraindikationen mit dem Alter zunimmt, können und dürfen die Ergebnisse der UKPDS nicht auf ältere Patienten extrapoliert werden. Für die Sicherheit der in der Fachinformation empfohlenen Dosisanpassung bei Älteren gibt es keinen Beleg. Nach einer britischen Untersuchung finden sich Gegenanzeigen bei über 50% der Patienten, die mit Metformin behandelt werden.6 Die betroffenen meist älteren Patienten haben ein sehr hohes Risiko einer Laktatazidose unter Metformin.7 Die Sterblichkeit beträgt hier 30% bis 50%.

FAZIT: Eine einheitliche Fachinformation für alle Metformin-Produkte (GLUCOPHAGE u.a.) ist zu begrüßen. In der jetzigen Form enthält sie jedoch gravierende Mängel - beispielsweise zu hohe Maximaldosis, keine Altersbegrenzung und Zulassung der Kombination mit Sulfonylharnstoffen -, die dem Kenntnisstand zu Metformin widersprechen und Patienten gefährden. Untätigkeit der deutschen Behörde und fehlende Öffentlichkeit beim europäischen Verfahren haben zu dem mangelhaften Resultat beigetragen (siehe Kasten).

© 2001 arznei-telegramm

Diese Publikation ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigung sowie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen ist nur mit Genehmigung des arznei-telegramm® gestattet.

vorheriger Artikela-t 2001; 32: 92-3nächster Artikel