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Korrespondenz

SICKNESS SELLS

Ihrem Artikel "Sickness sells" (a-t 2002; 33: 71-2) können wir nur zustimmen, doch leider haben Sie einen wichtigen Bereich der Medikalisierung nicht genannt: das Thema "weibliche Lebensphasen".

Ob es der Einsatz der Verhütungspille ist, die vielen gerade auch jungen Frauen zur Behebung von Menstruationsschmerzen verordnet wird; ob es die Verhütung insgesamt ist, wo noch immer auf Pille, Spirale und inzwischen Hormonimplantate gesetzt wird und die mechanischen Barrieremethoden schlicht ignoriert werden, bis hin zu dem Einsatz der Hormontherapie in den Wechseljahren, die Frauen trotz kritischer internationaler Studienergebnisse hier noch immer auch nur zur "Prävention" gegeben werden. Es gibt in Deutschland noch immer keinerlei Studien zum Einsatz der Hormonersatztherapie, gleichzeitig sind wir das Land in der EU, in dem am meisten und am längsten Wechseljahreshormone verordnet und eingenommen werden.1 Ein Skandal für sich (s. Seite 81).

Das Pharmamarketing hat hier schon vor 20 Jahren darauf gesetzt, Wechseljahre als eine Hormonmangelerscheinung und dementsprechend als behandlungsbedürftig zu erklären und die Prävention von Osteoporose allen Frauen anzudienen... Inzwischen ist das Augenmerk allerdings mehr auf das Anti-Aging gerutscht, das klingt zeitgemäßer. Das Label scheint ziemlich egal zu sein, Hauptsache, Frauen sind davon zu überzeugen, dass sie Hormone nehmen müssen, und zwar möglichst lange.

1 GREISER, E. et al.: "Weibliche Hormone - Ein Leben lang", Wissenschaftliches Institut der AOK, 2000, Seite 82

C. BURGERT (Feminist. Frauen Gesundheits Zentrum e.V., Berlin)
D-10777 Berlin
Interessenkonflikt:Keiner

Ergänzend zu Ihrem informativen Artikel zu "Disease-awareness"-Kampagnen (a-t 2002; 33: 71-2) fiel mir ein, dass vor 30 Jahren eine jahrelange Publikationsreihe von Hoffmann la Roche zur "larvierten Depression" ein medikamentös zu behandelndes Krankheitsbild promotete. In den letzten Jahren wird massiv versucht, Depression als Fehlfunktion der Neurotransmitter Ärzten und Patienten zu erklären, die ursächlich mit SSRI zu behandeln seien. Dies bis hin zu einer kostenlosen Monatsbroschüre mit dem Titel "Neurotransmitter". Statt also Betroffene auf die Zusammenhänge ihrer Symptome mit ihrer Lebensgeschichte und -situation aufmerksam zu machen, werden Boten(stoffe) zu Urhebern umgedeutet, gegen die prima Mittel bereitstehen. Mit der gleichen Logik könnten wir auch Scham- und Schuldgefühle, Lachen und Weinen, Wut und Angst, Sozialrückzug und Liebeslust als Wechselspiel fehlgeleiteter Botenstoffe interpretieren. Ja sogar ein Faustschlag ist dann nichts anderes als eine Kette von ATPase-Reaktionen in den Armmuskeln usw.

C. METZ (Arzt, Psychotherapie)
D-60385 Frankfurt/M.
Interessenkonflikt:Keiner

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