Die Information für Ärzte und Apotheker
Neutral, unabhängig und anzeigenfrei
Kein Abonnent? Das arznei-telegramm® finanziert sich ausschließlich über Abonnements.
Bestellen Sie ein Probeabo
vorheriger Artikela-t 2011; 42: 90nächster Artikel
Nebenwirkungen

DRONEDARON (MULTAQ)
... Indikationseinschränkung und Warnhinweise statt Marktrücknahme

Nach Abschluss ihres Verfahrens zur Neubewertung von Dronedaron (MULTAQ) hat die europäische Arzneimittelbehörde EMA die Indikation für das Antiarrhythmikum eingeschränkt und die Kontraindikationen und Warnhinweise deutlich erweitert. Dronedaron darf jetzt nur noch zum Erhalt des Sinusrhythmus nach erfolgreicher Kardioversion bei Patienten mit nichtpermanentem (paroxysmalem oder persistierendem) Vorhofflimmern** verordnet werden, und erst, nachdem alternative Therapien in Betracht gezogen wurden. Das Mittel ist zudem bei jeglicher Herzinsuffizienz und linksventrikulärer Dysfunktion kontraindiziert.1 Bislang gehörte nur schwere Herzinsuffizienz zu den Gegenanzeigen.2 Auch bei permanentem Vorhofflimmern ist Dronedaron jetzt ausdrücklich kontraindiziert.1 Die Maßnahmen sind die Konsequenz aus den Sicherheitsbedenken, die sich unter anderem aus der nach Markteinführung bekannt gewordenen Leberschädlichkeit und der Zunahme von kardiovaskulären Komplikationen und Mortalität unter Dronedaron in der vorzeitig abgebrochenen PALLAS***-Studie bei permanentem Vorhofflimmern ergeben hatten (a-t 2011; 42: 65-6). Zu den Risikosignalen neu hinzugekommen ist außerdem eine pulmonale Toxizität mit interstitieller Lungenerkrankung einschließlich Pneumonitis und Lungenfibrose, wie sie in Verbindung mit dem verwandten Amiodaron (CORDAREX, Generika) ebenfalls bekannt ist. Dronedaron darf nach lungen- und lebertoxischen Reaktionen auf Amiodaron nicht mehr verwendet werden.1

* Vorversion am 23. Sept. 2011 als blitz-a-t veröffentlicht
** Vorhofflimmern wird nach der derzeit allgemeinen anerkannten Klassifikation eingeteilt in nichtpermanent (paroxysmal: < 7 Tage, meist ≤ 48 h; oder persistierend: > 7 Tage oder Kardioversion für Beendigung erforderlich) und permanent (Vorhofflimmern wird von Patient und Arzt akzeptiert). Wenn bei permanentem Vorhofflimmern zu einem späteren Zeitpunkt doch eine Rhythmuskontrolle angestrebt wird, wird die Arrhythmie damit definitionsgemäß wieder zum nichtpermanentem Vorhofflimmern.3
*** PALLAS = Permanent Atrial fibriLLAtion outcome Study using Dronedarone on top of standard therapy

Die verbleibende Indikation für Dronedaron, die Rhythmuskontrolle, ist per se bereits eine Reservestrategie für ausgewählte Patienten mit Vorhofflimmern.3 In randomisierten Studien schneidet sie im Hinblick auf klinische Endpunkte wie Lebensqualität, kardiovaskuläre Komplikationen, Schlaganfall oder Tod nicht besser ab als die Frequenzkontrolle, verursacht aber mehr Störwirkungen und geht mit mehr Krankenhausaufnahmen einher.4 Dronedaron bietet in dieser Situation gegenüber dem Standard Amiodaron keinen Vorteil: Im direkten Vergleich verhindert es Wiederauftreten von Vorhofflimmern nach Kardioversion deutlich schlechter. Die Verträglichkeit der beiden Antiarrhythmika unterscheidet sich dagegen insgesamt nicht (a-t 2010; 41: 17-9).5 Für Dronedaron liegen aber mittlerweile aus zwei Studien Signale für ein erhöhtes Sterberisiko vor: aus der älteren ANDROMEDA****-Studie bei schwerer Herzinsuffizienz (NYHA III oder IV, 8,1% vs. 3,8% unter Plazebo)6 sowie neuerdings aus der PALLAS-Studie bei permanentem Vorhofflimmern (1% vs. 0,4%).7 Entsprechende Signale finden wir für Amiodaron aus Direktvergleichen nicht.8,9 Dass die neuen Anwendungsvorschriften angesichts der fließenden Grenzen zwischen nichtpermanentem und permanentem Vorhofflimmern und der definitorischen Unwägbarkeiten einen sicheren Gebrauch von Dronedaron gewährleisten können, erscheint uns zweifelhaft. Wir erachten die Nutzen-Schaden-Bilanz weiterhin als negativ.

**** ANDROMEDA = ANtiarrhythmic Trial with DROnedarone in Moderate to Severe CHF Evaluating Morbidity DecreAse

Führende amerikanische Kardiologen stellen unterdessen Nutzen und Sicherheit von Dronedaron ebenfalls infrage ("I think, the drug is dangerous", "It just doesn't work") und sprechen sich gegen die Verordnung aus. Sie erhöhen damit den Druck auf die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA, die ihre neuerliche Sicherheitsbewertung von Dronedaron bisher nicht abgeschlossen hat.10,11

∎  Die Nutzen-Schaden-Bilanz von Dronedaron (MULTAQ) erscheint uns auch für die verbliebene Indikation, die Rhythmuskontrolle nach erfolgreicher Kardioversion bei nichtpermanenten Vorhofflimmern, negativ.

∎  Wir erachten die Marktrücknahme des Antiarrhythmikums als einzige sinnvolle Konsequenz.

  (R =randomisierte Studie, M = Metaanalyse)
1 Sanofi-Aventis: Fachinformation MULTAQ, Stand Sept. 2011
2 Sanofi-Aventis: Fachinformation MULTAQ, Stand Juni 2011
3 CAMM, A.J. et al.: Eur. Heart J. 2010; 31: 2369-429
4 LAFUENTE-LAFUENTE, C. et al.: BMJ 2009; 339: b5216 (6 Seiten)
R  5 Le HEUZEY, J.Y. et al.: J. Cardiovasc. Electrophysiol. 2010; 21: 597-605
R  6 KØBER, L. et al.: N. Engl. J. Med. 2008; 358: 2678-87
7 FDA Drug Safety Communication: MULTAQ (dronedarone) and increased risk of death and serious cardiovascular adverse events, 21. Juli 2011
http://www.fda.gov/Drugs/DrugSafety/ucm264059.htm
M  8 LAFUENTE-LAFUENTE, C. et al.: Arch. Int. Med. 2006; 166: 719-28
M  9 DOYLE, J.F., HO, K.M.: Mayo. Clin. Proc. 2009; 84: 234-42
10 O'RIORDAN, M.: Heartwire vom 22. Sept. 2011;
http://www.theheart.org/article/1283205.do (kostenloser Log-in erforderlich)
11 BURTON, T.M.: Wall Street Journal vom 22. Sept. 2011

© 2011 arznei-telegramm, publiziert am 14. Oktober 2011

Diese Publikation ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigung sowie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen ist nur mit Genehmigung des arznei-telegramm® gestattet.