Die Information für Ärzte und Apotheker
Neutral, unabhängig und anzeigenfrei
arznei-telegramm®Die unabhängige Information zur Arzneitherapie.
Bestellen Sie ein Probeabo
vorheriger Artikela-t 2013; 44: 37-8nächster Artikel
Korrespondenz

NEUE DATEN ZUR PNEUMOKOKKENIMPFUNG BEI KINDERN

Gibt es mittlerweile aussagekräftige Daten zur Pneumokokkenimpfung bei Kleinkindern?

Dr. J. DROMMER (Ernährungswissenschaftlerin)
D-01139 Dresden
Interessenkonflikt: keiner

Zum 10-valenten Pneumokokken-Konjugatimpfstoff SYNFLORIX (a-t 2010; 41: 37-9) wurde kürzlich aus Finnland eine randomisierte Studie mit insgesamt rund 47.000 Kindern publiziert. Ähnlich der großen US-amerikanischen Studie zum 7-valenten PREVENAR (vgl. a-t 2006; 37: 87-9) zeigt sich hier eine beträchtliche klinische Effektivität der Vakzine gegen invasive Pneumokokkenerkrankungen durch die im Impfstoff enthaltenen Serotypen sowie gegen invasive Pneumokokkenerkrankungen insgesamt. Bei Kindern, die mindestens eine Impfung vor dem siebten Lebensmonat erhalten haben, mindert ein Schema mit vier Dosierungen, wie es auch hierzulande empfohlen wird, invasive Erkrankungen durch Impfstoffserotypen um 100% (95% Konfidenzintervall [CI] 83-100), ein Schema mit drei Dosierungen um 92% (95% CI 58-100). Die Effektivität gegen invasive Pneumokokkenerkrankungen insgesamt beträgt unter beiden Schemata zusammen 93% (95% CI 75-99).1 Zum 13-valenten Konjugatimpfstoff PREVENAR 13 finden wir eine solche Studie nicht, und es ist unseres Erachtens auch in Zukunft nicht mehr damit zu rechnen, da zumindest in westeuropäischen Ländern die allgemeine Säuglingsimpfung gegen Pneumokokken, soweit wir sehen, überall seit Jahren eingeführt wurde.

Zu den epidemiologischen Auswirkungen der allgemeinen Impfung mit dem 2010 aus dem Handel gezogenen 7-valenten-Impfstoff liegen inzwischen zahlreiche Beobachtungsstudien aus vielen Ländern vor, auch aus Europa (vgl. a-t 2009; 40: 27-9). Generell lässt sich zu den Ergebnissen sagen: In den meisten Ländern hat die Häufigkeit invasiver Pneumokokkenerkrankungen bei Kleinkindern, zumindest in dem noch relativ kurzen Beobachtungszeitraum von wenigen Jahren, insgesamt abgenommen, trotz eines ebenfalls in den meisten Studien beobachteten Replacements - also der Zunahme von Erkrankungen durch Nichtimpfstoffserotypen.2 In den USA beispielsweise ist der Nettoeffekt auch sieben Jahre nach Einführung der allgemeinen Säuglingsimpfung nach wie vor positiv.3 Negative Beispiele sind Frankreich und Spanien, wo sich in verschiedenen Studien nur ein geringer oder gar kein Nettoeffekt zeigt.2

Auch aus Deutschland, wo die allgemeine Säuglingsimpfung gegen Pneumokokken seit Mitte 2006 empfohlen wird, gibt es eine neue Beobachtungsstudie mit Daten aus den Jahren 2007 bis 2010 im Vergleich zum Zeitraum 1997 bis 2001. Pneumokokkenmeningitiden haben danach sowohl bei den unter Zweijährigen als auch bei den unter 16-Jährigen signifikant um relativ 46% bzw. 35% abgenommen, invasive Pneumokokkenerkrankungen anderer Organsysteme nur bei den unter Zweijährigen (-26%), während es hier bei den 5- bis 15-jährigen Kindern zu einer signifikanten Zunahme um 86% gekommen ist. Letzteres lässt sich aber möglicherweise zumindest zum Teil mit einer Zunahme von Blutkulturuntersuchungen nach Einführung des 7-valenten-Konjugatimpfstoffes erklären, die vorher bei Kindern ohne Meningitis offenbar häufig nicht durchgeführt wurden.4 Wie in anderen Ländern ist auch in Deutschland eine Zunahme besonders des (im 7-valenten-Impfstoff nicht enthaltenen) Serotyps 19A zu beobachten, und zwar zum Teil als multiresistenter Keim.4,5 Dieser Keim wird von PREVENAR 13 abgedeckt, nicht aber von SYNFLORIX. Das Serotypenspektrum spricht daher eher für PREVENAR 13, auch wenn andererseits ein klinischer Nutzen nur für SYNFLORIX belegt ist.

Es ist allerdings davon auszugehen, dass die breite Anwendung der beiden 2009 eingeführten höhervalenten Konjugatimpfstoffe ebenfalls mit einem Serotypenreplacement einhergeht. Erste Hinweise darauf gibt es bereits.6 Inwieweit die erwünschte Minderung invasiver Pneumokokkeninfektionen langfristig erreicht werden kann, muss sich in der kontinuierlichen Überwachung erweisen.2

  (R =randomisierte Studie)
R  1 PALMU, A.A. et al.: Lancet 2013; 381: 214-22
2 WEINBERGER, D.M. et al.: Lancet 2011; 378: 1962-73
3 PILISHVILI, T. et al.: J. Infect. Dis. 2010; 201: 32-41
4 van der LINDEN, M. et al.: Vaccine 2012; 30: 5880-5
5 van der LINDEN, M. et al.: BMC Infect. Dis. 2013; 13: 70 (9 Seiten)
6 KAPLAN, S.L. et al.: Pediatr. Infect. Dis. J. 2013; 32: 302-7

© 2013 arznei-telegramm, publiziert am 19. April 2013

Diese Publikation ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigung sowie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen ist nur mit Genehmigung des arznei-telegramm® gestattet.

vorheriger Artikela-t 2013; 44: 37-8nächster Artikel